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zitat

In der Ehe muss man einen
unaufhörlichen Kampf gegen
ein Ungeheuer führen:
die Gewohnheit.

- Honoré de Balzac -

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Eine kurze Liebesgeschichte, geschrieben von dem bekannten deutschen Schriftstellers Klabund (Alfred Henschke).

Weibertreu

Meine Damen, ich hoffe, Sie werden mir die kleine Geschichte nicht
übelnehmen, die ich Ihnen hier erzähle: denn sie ist ziemlich
leichtfertig. Aber ich möchte Ihnen zur Beruhigung mitteilen,
dass Sie sich im fernen Indien zugetragen hat. In Europa gilt,
wie allgemein bekannt, die Ehe als Sakrament, und noch nie
hat in Europa eine Frau ihrem Gatten die Ehe gebrochen. – –

Es war einmal ein Herr namens Viradhara und eine Dame namens
Kamadamini. Letztere war ein junges, zartes und fröhliches Geschöpf,
während ihr Gatte Viradhara bereits jenes Alter erreicht hatte, von dem
es im indischen Sprichwort heisst: "Ein alter Esel zieht nicht mehr".

Kamadamini fand nun, dass es noch genug junge Esel gebe, die
ihren kleinen Korbwagen gerne ziehen möchten, sofern sie sie nur
einspanne. Solches tat Kamadamini und geriet in einen Ruf, der
selbst bis zu ihrem alten Gatten drang. Der Gatte ward auf das
heftigste bestürzt, als er solches vernahm, schwieg aber still und
beschloss bei sich, sein Weibchen auf die Probe zu stellen.
Er sprach eines Tages zu ihr:

"Meine zärtliche Taube möge verzeihen, wenn ich sie einige Tage
allein lasse, denn ich habe in Geschäften eine längere Reise
anzutreten" –

küsste sie auf die Stirn und verliess das Haus, um auf Umwegen
wieder dahin zurückzukehren und durch das Fenster in das Zimmer einzusteigen und sich dort unter dem Bett zu verstecken.

Kaum hatte Viradhara das Haus verlassen, als Kamadamini sich
putzte und schmückte, kleine Kuchen buk in bester Butter und
bestem Mehl und ihre Dienerin mit einer Einladung zu einem
jungen Herrn sandte, der ihr schon öfter den kleinen Korbwagen
gezogen hatte. Der junge Herr erschien auch mit vielen Freuden,
sie assen und tranken und begaben sich danach in das Zimmer
und ins Bett. Hierbei nun berührte Kamadamini mit einem Fuss
zufällig den Leib ihres Gatten, der versteckt lag, um sie auf die
Probe zu stellen.

Klug, wie die Frauen in allen bösen Dingen nun einmal sind –
Verzeihung meine Damen: in Indien ... –, wusste sie sofort, wer
da liege und um was es sich handle. Als nun ihr Liebhaber sie
umarmen wollte, stiess sie ihn zurück und sprach:

"Herr, Ihr dürft mich nicht berühren." Der junge Herr erwiderte
ärgerlich:

"Ich bitte Euch, mir Auskunft zu geben, schöne Frau, warum in
aller Welt Ihr mich sonst habet rufen lassen?"

Sie sprach: "Ich besuchte vor Sonnenaufgang den Tempel
der Kandika." Da erscholl plötzlich eine Stimme: ‹Unglückliche,
du wirst innerhalb dreier Monate Witwe sein. › –

Ich erschrak bis ins tiefste Herz, denn ich liebe meinen Mann
über alles in der Welt, selbst mehr als mein Leben oder meine Ehre.
Und ich flehte: ‹Göttin, gibt es ein Mittel, meinen Gatten vor dem
Verhängnis zu retten?› Sie erwiderte: ‹Ja. Ich will dir dieses Mittel
nennen: du musst einen fremden Mann umarmen – so wird der
deinem Gatten bestimmte Tod auf diesen übergehen, er aber wird
hundert Jahre alt werden.› –

Wisset also, dass Ihr mich nun zwar umarmen dürft, dass aber
der Tod von der Göttin Kandika Euch sicher ist...

Da lächelte der junge Mann, denn er begann die junge Frau zu
begreifen, indes der Ehemann sich in seinem Versteck hin und
her wälzte wie ein Kater, den man krault. Und der junge Herr sprach:

"Gern will ich den Tod auf mich nehmen, nachdem ich Euch habe
umarmen dürfen", und also umarmten und liebten sie einander,
während der Gatte, ob des Opfers, das seine Gattin aus Liebe
zu ihm brachte, Tränen der Rührung vergoss.

Als sich nun der junge Mann zum Fortgehen anschickte, da
kroch auch der Gatte unterm Bett hervor. Tränen noch in den
Wimpern, umarmte ihn, der höchlich erschrocken tat, und sprach:

"Mein Lebensretter! Mein treuester Freund bis zu deinem
unvermeidlichen Tode!"

Und er küsste seine Frau und sprach: "Du bist die treueste Frau,
die je auf Erden wandelte. Sei gesegnet."

Hiermit, meine Damen, ist meine Geschichte zu Ende, und ich
bemerke, um jedem unliebsamen Missverständnis vorzubeugen,
dass so ungetreue Ehefrauen, so nichtsnutzige junge Burschen
und so alberne alte Ehemänner natürlich nur in Indien
vorzukommen pflegen.

- Klabund (Alfred Henschke) 1890-1928, deutscher Schriftsteller;
aus: erotische Erzählungen, Kapitel 11 -






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