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zitat

Mir war so bang und du
kamst lieb und leise.

- Rainer Maria Rilke -

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Schönes Liebesgedicht von Rainer Maria Rilke und weitere Gedichte
der Liebe, sowie gute Links- und Bücher-Tipps.

Lieben

UND
wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschein,
kam siw wie ein Beten? - Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen gross
an meiner blühenden Seele ...


II

DAS
war der Tag der weissen Chrysanthemen, -
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht ...
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, -
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht ...


III

EINEN
Maitag mit dir beisammen sein,
und selbander verloren ziehn
durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn
zu der Laube von weissem Jasmin.

Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun,
jeder Wunsch in der Seele so still ...
Und ein Glück sein mitten in Mailust baun,
ein grosses, - das ists, was ich will ...


IV

ICH
weiss nicht, wie mir geschieht ...
Weiss nicht, was Wonne ich lausche,
mein Herz ist fort wie im Rausche,
und die Sehnsucht ist wie ein Lied.

Und mein Mädel hat fröhliches Blut
und hat das Haar voller Sonne
und die Augen von der Madonne,
die heute noch Wunder tut.


V

OB
du's noch denkst, dass ich dir Äpfel brachte
und dir das Goldhaar glattstrich leis und lind?
Weisst du, das war, als ich noch gerne lachte,
und du warst damals noch ein Kind.

Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte
ein junges Hoffen und ein alter Gram ...
Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante
den "Werther" aus den Händen nahm.

Der Frühling rief. Ich küsste dir die Wangen,
dein Auge sah mich gross und selig an.
Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,
und Lichter gingen durch den Tann ...


VI

WIR
sassen beide in Gedanken
im Weinblattdämmmer - du und ich -
und über uns in duftgen Ranken
versummte wo ein Hummel sich.

Reflexe hielten, bune Kreise,
in deinem Haare flüchtig Rast ...
Ich sagte nichts als einmal leise:
"Was du für schöne Augen hast."


VII

BLONDKÖPFCHEN
hinter den Scheiben
hebt es sich ab so fein, -
sternt es ins Stäubchentreiben
oder zu mir herein?

Ist es das Köpfchen, das liebe,
das mich gefesselt hält,
oder das Stäubchengetriebe
dort in der sonnigen Welt?

Keins sieht zum andern hinüber.
Heimlich, die Stirne voll Ruh
schretet der Abend vorüber ...
Und wir? Wir sehn ihm halt zu. -


VIII

DIE
Liese wird heute just sechzehn Jahr.
Sie findet im Klee einen Vierling ...
Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:
die Löwenzähne mit blondem Haar
betreut vom sternigen Schierling.

Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,
der strotzige, lose Geselle.
Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn
und lacht und wälzt durch den Wiesenplan
des Windes wallende Welle ...


IX

ICH
träume tief im Weingerank
mit meiner blonden Kleinen;
es bebt ihr Händchen, elfenschlank,
im heissen Zwang der meinen.

So wie ein gelbes Eichhorn huscht
das Licht hin im Reflexe,
und violetter Schatten tuscht
ins weisse Kleid ihr Kleckse.

In unsrer Brust liegt glückverschneit
goldsonniges Verstummen.
Da kommt in seinem Sammetkleid
ein Hummel Segen summen ...


X

ES
ist ein Weltmeer voller Lichte,
das der Geliebten Aug umschliesst,
wenn von der Flut der Traumgesichte
die keusche Seele überfliesst.

Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers
sow wie ein Kind, das stockt im Lauf,
geht vor der Pracht des Christbaumzimmers
die Flügeltüre lautlos auf.


XI

ICH
war noch ein Knabe. Ich weiss, es hiess:
Heut kommt Base Olga zu Gaste.
Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies,
ins Kleidchen gepresst, ins verblasste.

Bei Tisch sass man später nach Ordnung und Rang
und frischte sich mässig die Kehle;
und wie mein Glas an das deine klang,
da ging mir ein Riss durch die Seele.

Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergass
mich dem Plaudern der andern zu einen,
denn tief im trockenen Halse sass
mir würgend ein wimmerndes Weinen.

Wir gingen im Parke. - Du sprachst vom Glück
und küsstest die Lippen mir lange,
undich gab dir fiebernde Küsse zurück
auf die Stirne, den Mund und die Wange.

Und da machtest du leise die Augen zu,
die Wonne blind zu ergründen ...
Und mir ahnte im Herzen: da wärest du
am liebsten gestorben vor Sünden ...


XII

DIE
Nacht im Silberfunkenkleid
streut Träume eine Handvoll,
die füllen mir mit Trunkenheit
die tiefe Seele randvoll.

Wie Kinder eine Weihnacht sehn
voll Glanz und goldnen Nüssen, -
seh ich dich durch die Mainacht gehn
und alle Blumen küssen.


XIII

SCHON
starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,
und unter Farren bluteten Zyklamen,
die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,
es war ein Wind, - und schwere Düfte kamen.

Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,
ich sagte leise deinen süssen Namen:
Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft
aus deines Herzens weissem Liliensamen
die Feuerlilie der Leidenschaft.

Rot war der Abend - und dein Mund so rot,
wie meine Lippen sehnsuchtheiss ihn fanden,
und jene Flamen, die uns jäh durchloht,
sie leckten an den neidischen Gewanden ...
Der Wald war stille, und der Tag war tot.

Uns aber war der Heiland auferstanden,
und mit dem Tage starben Neid und Not.
Der Mond kam gross an unsern Hügeln landen,
und leise stieg das Glück aus weissem Boot


XIV

ES
leuchteten im Garten die Syringen,
von einem Ave war der Abend voll, -
da war es, dass wir voreinander gingen
in Gram und Groll.

Die Sonne war in heissen Fieberträumen
gestorben hinter grauen Hängen weit,
und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen
dein weisses Kleid.

Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen
und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,
das lange in ein helles Licht gesehen:
Bin ich jetzt blind? -


XV

OFT
scheinst du mir ein Kind, ein kleines, -
dann fühl ich mich so ernst und alt, -
wenn nur ganz leis dein glockenreines
Gelächter in mir widerhallt.

Wenn dann in grossem Kinderstaunen
dein Auge aufgeht, tief und heiss, -
möcht ich dich küssen und dir raunen
die schönsten Märchen, die ich weiss.


XVI

NACH
einem Glück ist meine Seele lüstern,
nach einem kurzen, dummen Wunderwahn ...
Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern
da hör ich's nahn ...

Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen,
in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn, -
dann unter schattenschweren Blütenbäumen
seh ich es nahn.

In weissem Kleid; so wie das Lieb, das tote,
am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch,
am Herzen jene Blume nur, die rote,
trug es die auch? ...


XVII

WIR
gingen unter herbstlich bunten Buchen,
vom Abschiedsweh die Augen beide rot ...
"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen,"
Ich sagte bang: "Die sind schon tot."

Mein Wort war lauter Weinen. - In den Äthern
stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.
Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,
und eine Dohle schrie von fern. -



XVIII

IM
Frühling oder im Traume
bin ich dir begegnet, einst,
und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag,
und du drückst mir die Hand und weinst.

Weinst du ob der jagenden Wolken?
Ob der blutroten Blätter? Kaum.
Ich fühl es: du warst einmal glücklich
im Frühling oder im Traum ...



XIX

SIE
hatte keinerlei Geschichte,
ereignislos ging Jahr um Jahr -
auf einmal kams mit lauter Lichte ...
die Liebe oder was das war.

Dann plötzlich sah sie's bang zerrinnen,
da liegt ein Teich vor ihrem Haus ...
So wie im Traum scheint's zu beginnen,
und wie ein Schicksal geht es aus.



XX

MAN
merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell
erstorben im eigenen Blute.
Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell
auf dem kleinen verborgenen Hute.

Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich
sie die Hand mir schmeichelnd und leise. -
Kein Mensch in der Gasse als sie und ich ...
Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise."

Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsrot
In den Stoff meines Mantels vergrabend ...
Vom Hütchen nickte die Rose rot,
und es lächelte müde der Abend.



XXI

MANCHMAL
da ist mir: Nach Gram und Müh
will mich das Schicksal noch segnen,
wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh
lachende Mädchen begegnen ...
Lächeln hör ich sie gerne.

Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,
nie kann ich's, wähn ich, vergessen ...
Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,
will ich mir's singen ... Indessen
singens schon oben die Sterne ...



XXII

ES
ist lang, - es ist lang ...
wann - weiss ich gar nimmer zu sagen ...
eine Glocke klang, eine Lerche sang -
und ein Herz hat so selig geschlagen.

Der Himmel so blank überm Jungwaldhang,
der Flieder hat Blüten getragen, -
und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,
das Auge voll staundender Fragen ...
Es ist lang, - es ist lang ...


- Rainer Maria Rilke 1875-1926, deutsch-österreichischer Lyriker -

aus Traumgekrönt.



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