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Über das Schmollen der Weiber



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zitat

Ruhe ist Glück, wenn sie
ein Ausruhen ist.

- Ludwig Börne -

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Eine amusante schöne Erzählung, geschrieben von dem deutschen Journalisten und Literaturkritiker Ludwig Börne.

Über das Schmollen der Weiber

Meine ehemalige Braut nannte ich, wie es bei allen kultivierten Völkern
Sitte ist, einen Engel; meine jetzige Frau nenne ich, wenn ich böse auf
sie bin, einen gefallenen Engel, ist das Ehewetter aber heiter, einen
gestutzten.

"Warum gestutzter?" fragte mich Wilhelmine, als ich mich zum ersten
Male dieses Ausdrucks bediente. Ich ward verlegen; denn ich hatte
mich noch nicht zu verstellen gelernt, ich wusste noch nicht, wie gut
in der Ehe oft das Lügen sei und wie ohne diesen Lichtschirm der
Wahrheit rote Augen noch häufiger wären.

"Teure Wilhelmine!" sagte ich, indem ich ihr ein Stückchen Zucker,
den sie sehr liebt, in den Purpurmund steckte, "liebes Vögelchen,
müsste ich nicht zittern für mein Glück, wenn deine Engelsflügel nicht
etwas gestutzt wären? Müsste ich nicht fürchten, du entflattertest!" ...
und flögest den Himmel hinauf, wo deine Heimat ist - wollte ich höchst
poetischer Weise hinzusetzen. Aber meine gute Frau liess mich nicht
ausreden.

"Du fürchtest also, ich könnte dir untreu werden?" fragte sie, wartete aber
auf keine Antwort, sondern nahm ihr Gesicht zusammen, verschloss den
Mund und schmollte.

Vergebens war mein Flehen, mein Drohen, mein Reden, mein Schweigen
sogar; sie schmollte fort. Ich ging mit starken Schritten das Zimmer auf
und ab; in Engels Mimik ist keine Bewegung geschildert, die ich nicht
mit der grössten Naturtreue darstellte: Liebe, Hass, Zorn, Wut, Verzweiflung;
aber meine gute Wilhelmine sprach kein Wort.

Bei dieser Gelegenheit lernte ich das berühmte Schmollen der Weiber
kennen, und seitdem verlernte ich es nicht mehr. Es war der dreissigste
Tag nach meiner Hochzeit, da mein Glück in den Wendepunkt des
Krebses trat. Anfänglich hatte meine teure Wilhelmine nur einen
Schmollstuhl, dann nahm sie einen Schmollwinkel ein, später verschloss
sie sich in ein Schmollkämmerchen, bis sie endlich es durch Übung
dahingebracht, im ganzen Hause zu schmollen.

Ich habe mich in der theoretischen wie in der praktischen Philosophie
etwas umgesehen, Metaphysik, Logik, Anthropologie, empirische
Psychologie sind mir nicht ganz fremd; aber mit der Theorie des
weiblichen Schmollens konnte ich bis jetzt noch nicht ins reine kommen.
Doch will ich die wenigen unstreitigen Grundsätze, die ich mir aus
meinen Erfahrungen abgezogen, gern mitteilen; sie sind in der
gegenwärtigen Lage von Europa vielleicht nicht ohne Nutzen.

Staatspapier-Händler, oder Staats-Papierhändler (ich weiss nicht,
welche Schreibart die richtige ist) fragen sich und andere jetzt oft:

"Welchen Ausgang wird der Krieg gegen Spanien haben?"

O beneidenswerte Unwissenheit! Nur wer nicht verheiratet ist, kann
zweifeln; jeder Ehemann aber weiss es bestimmt, dass die Franzosen
verlieren werden.

Das Schmollen der Weiber ist nichts als ein Guerillaskrieg, den sie
gegen die konzentrierte Macht der Männeer führen, ein Krieg, in dem
sie immer siegen. Was nützt euch eure schwere Artillerie, wenn Mücke
nach Mücke die Hände, welche die Lunten anlegen, stechen und
verwirren? Was helfen euch dreimal hundertausend gutbewaffnete
Gründe? Die Weiber, als hätten sie mit dem Bösen ein Bündnis
geschlossen, sind gründefest, es dringt keiner durch. Ihre gefährlichste
Waffe ist der Mund, sie mögen ihn zum Reden oder zum Schweigen
gebrauchen. Reden sie, und ihr habt viel Verstand und Geduld, dann
könnt ihr sie zuweilen zum Schweigen bringen; schweigen sie aber
(welches in der häuslichen Kriegskunst Schmollen heisst), ist alle
Mühe vergebens, sie zum Reden zu bringen, ihr müsst euch
zurückziehen und schliesst um jede Bedingung einen pyrenäischen
Frieden.

Der zürnende Mann ragt wenigstens mit dem Kopfe über die Wolken
seines Zornes hinaus, das eheliche Gewitter grollt nur unter seinen
Füssen; die Frau aber steht mit dem Kopfe unter dem donnernden
Gewölke, und kein Strahl des Friedesn beleuchtet ihr finsteres Gesicht.

Wenn ich mit meiner guten Wilhelmine zanke, weiss ich, dass ich in
einer Viertelstunde wieder versöhnt sein werde. Mein schmollender
Engel aber hat gar keine Vorstellung davon, dass sie mir je wieder
gut werden könnte.

Ein komisches Missverständnis trägt gewöhnlich dazu bei, sie noch mehr
aufzubringen. Ich pflege nämlich meine teure Gattin Wilhelmine zu
nennen; aber so oft sie zankt, rufe ich sie Minchen. Dieses Wort macht sie
nur unversöhnlicher; denn sie wähnt, ich bediene mich der liebkosenden
Verkleinerung nur aus Spott, und die gute Seele wird aus dem Morgenblatt
erfahren, dass ich sie, wenn sie schmollt, nur darum Minchen nenne, weil
sie mir dann als ein kleiner Mina vorkommt - so geschickt weiss sie den
Guerillaskrieg zu führen.

Ich habe meiner lieben Frau schon oft vorgeschlagen, ich wollte mich auf
ihr Schmollen monatlich abonnieren, indem ich ihr immer auf dreissig
Tage voraus recht gäbe, und dabei, meinte ich, würden wir uns besser
stehen; aber sie wollte von einem solchen Vertrage nichts hören. So
habe ich denn viele trübe Schmolltage in meinem Hauskalender
einzutragen, und beim Schlusse des Jahres fällt die meteorologische
Bilanz nicht immer zu meinem Vorteile aus. Was aber meinem Kalender
ein noch seltsameres und traurigeres Ansehen gibt, ist, dass ich zwar
Tag und Stunde bezeichnen kann, wo meine Wilhelmine zu schmollen
angefangen, aber weder Stunde noch Tag, wo sie zu schmollen aufgehört.
Sie vergrollt so leise und allmählich, dass nicht zu bestimmen ist, wann
der letzte Lauf ihrer Unzufriedenheit verschallte, und plötzlich befinde ich
mich mitten in meinem gewohnten Glücke, ohne zu wissen, wie ich
hineingekommen.

Sie hat mir einmal anvertraut, dass es alle Weiber so machten, die, wenn
sie ihr stillstehendes Herz weider aufziehen, alle ganze, halbe und
Viertelstunden, über welche der Zeiger rücke, schlagen liessen, bis der
Zeiger auf der Stunde der Liebe stünde. Sie müssten das so machen,
um die Uhr ihrer Seele nicht zu verderben.

Wenn mich meine gute Wilhelmine aus dem Paradiese, das sie mir selbst
geschaffen, auf Stunden und Tage hinausschmollt, so ist das nur meine
eigene Schuld. Ich habe unbesonnen meiner häuslichen Verfassung die
Fehler der spanischen gegeben. Meine Frau und ich bilde nur eine Kammer,
und so muss denn geschehen, was in solchen Fällen immer geschieht:
das demokratische Prinzip gewinnt die Herrschaft über das aristokratische.
Das weibliche Herz ist ein atheniensischer Markt - unter einem herrlichen
blauen Himmel liebliche Blumensträusse, duftende Südfrüchte, holde Anmut,
Geist, Witz, Empfindung; aber auch Tücke, Launen, Wankelmütigkeit
und Undankbarkeit.

Wo aber die häusliche Gesetzgebung weise in zwei Kammern getrennt ist,
wo der Mann das Oberhaus und die Frau das Unterhaus bildet, da werden,
wie ein bayrischer Pair unvergleichlich schön gesungen hat, die Wogen
der Demokratie sich an den Felsen der Aristokratie brechen, auf welchen
Felsen der Thron gebaut ist und der Frieden!

- Ludwig Börne 1786-1837, deutscher Journalist, Literatur- u. Theaterkritiker -









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