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Cafe Klösschen



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zitat

Die naturhafte Neigung ist
der Anfang der Tugend.

- Thomas von Aquin -

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Eine spannende und groteske Porsa Erzählung, geschrieben von dem bekannten expressionistischen Schriftsteller Alfred Lichtenstein.

Cafe Klösschen

LISEL Liblichlein war aus der Provinz in die Stadt gekommen, weil sie
Schauspielerin werden wollte. Zu Hause empfand sie alles spiessig, eng,
verblödend. Die Herren waren dumm. Der Himmel, das Küssen, die
Freundinnen, die Sonntagnachmittage wurden unerträglich. Am
liebsten weinte sie. Schauspielerin sein bedeutete ihr: klug sein, frei
sein, glücklich sein. Wie das ist, wusste sie nicht. Ob sie Talent habe,
prüfte sie nicht.

Sie schwärmte für den Vetter Schulz, weil er in der Stadt wohnte und
Gedichte machte. Als der Vetter einmal schrieb, er habe die Juristerei
satt, er werde als Schriftsteller seine Neigungen leben, teilte sie den
erschrockenen Eltern mit, das verbauerte Leben wachse ihr aus dem
Halse heraus; sie werde als Schauspielerin ihren Idealen nachgehen.

Man versuchte auf jede Art, sie von diesem Vorhaben abzubringen.
Es gelang nicht. Sie wurde bestimmter, drohend. Man gab unwillig
nach, fuhr mit ihr in die Stadt, mietete ein kleines Zimmer in einem
grossen Pensionat, meldete sie in einer billigen Theaterschule an.
Der Vetter Schulz wurde gebeten, sich ihrer anzunehmen.

Herr Schulz war häufig mit Cousine Liblichlein zusammen. Er führte sie
in Kabaretts; las Gedichte vor; zeigte seine Bohemebude; bestellte sie
in das Literatencafé Klösschen; ging mit ihr Hand in Hand stundenlang
durch die nächtlichen Strassen; betastete sie; küsste sie. Fräulein
Liblichlein war von allem Neuen angenehm betäubt; bald fiel ihr ein,
dass sie sich das meiste schöner vorgestellt hatte. Verdriesslich war
ihr schon anfangs, dass der Direktor der Theaterschule, die Kollegen,
die Literaten des Café Klösschens - alle Männer, mit denen sie häufiger
zusammentraf, ein Vergnügen darin fanden, sie anzufassen, ihre Hände
zu streicheln, die Knie an ihre Knie zu drücken, sie unverschämt
anzusehen. Sogar die Berührungen des Schulz wurden ihr lästig.

Um ihn nicht zu kränken, auch um nicht kleinstädtisch zu wirken, gab
sie ihm das selten zu verstehen. Aber einmal schlug sie ihm heftig auf
das Gesicht. Sie waren in seinem Zimmer, er hatte ihr gerade die letzten
Zeilen seines Gedichtes "Müdigkeit" erklärt. Die waren:

Der Abend steht vor meinem Fenster, grauer Mann!
Am besten ist wohl, wenn wir schlafen gehen -

Danach hatte er versucht, ihr die Bluse abzuziehen. Der Schulz war über
den Schlag recht bestürzt. Er sagte, fast weinend, sie müsse gemerkt
haben, dass er sie liebe. Ausserdem sei er ihr Vetter. Sie sagte, das
Öffnen der Bluse behage ihr nicht. Zudem habe er einen Knopf abgerissen.
Er sagte, er halte das nicht mehr aus. Wenn man einen liebe, müsse man
sich ihm hingeben. Er werde bei Kokotten Vergessen suchen. Sie wusste
keine Antwort. Er dachte stöhnend: O, o. Sie sass betrübt neben ihm.

In den nächsten Tagen liess er sich nicht sehen. Als er wiederkam,
war er bleich und grau. Die blutleeren roten Augen lagen tränend in
schmierigen Schatten. Die Stimme hatte nur einen Singsangton, der
klang schwärmend von Verzweiflung, Hurerei, Zerrissensein. Dass er
der Lebensfreude überdrüssig sei. Dass er seinen Tod bald eingeholt
haben werde. Er vermied Zärtlichkeiten, aber er seufzte oft schmerzlich.
Kokettierte theatralisch mit einer Sehnsucht nach dem Sterben. Führte
die Freundin in leichenreiche Trauerspiele, in düstere Kinodramen,
in ernste Konzerte in verdunkelten Sälen.

Eine Woche war vielleicht vergangen. Eine Dame hatte gesungen.
Die Hände der Zuhörer knallten laut und lange. Gottschalk Schulz
fasste leidenschaftlich einige Finger Lisel Liblichleins, legte sie gütig
auf einen Schenkel seiner Beine, sagte:

"Ist es nicht eigenartig, wie der Gesang einer Dame einem an die
Seele greift!"

Dann fing er wieder an, bittend und weinerlich von Liebe und Hingebung
zu reden. Lisel Liblichlein sagte, dies sei ihr langweilig oder ekelhaft.
Aus Mitleid - und weil sie hinaufgehen wollte - erklärte sie schliesslich
in der Haustür, mit der Liebe sei sie einverstanden, wenn er auf die
Hingebung verzichte. Schulz drückte sie glücklich an sich. Er stand
noch lange träumend da. Er sang:

"O Tränen. O Güte. O Gott. O Schönheit. O Liebe. O Liebe ..."

Er stürzte durch die Strassen. In dem Klösschen war er verschwunden.

Liesel Liblichlein aber sass in ihrem kleinen Zimmer unbeholfen lächelnd
bei einem rötlichen Talglicht. Sie begriff diese Menschen der Stadt nicht,
die schienen ihr seltsame, gefährliche Tiere. Sie fühlte sich verlassen und
einsamer als früher. Sie dachte sehnsüchtig an die harmlose Heimat: an den
luftigen Himmel, an die lächerlichen jungen Herren, an die Tennisturniere,
an die wehmütigen Sonntagnachmittage ... sie knöpfte die Strumpfhalterung
ab, legte das Leibchen auf einen Stuhl. Sie war trostlos.



II

IN einem durchsichtigen Sommerabend war das leuchtende Café Klösschen.
Stadthimmel aus dunkelblauer Seide, auf dem weisser Mond und viele
kleine Sterne lagen, umhüllte es. In einem Hintergrund sass, lange Zeit,
bevor er plötzlich starb, einsam und rauchend bei einem winzigen Tisch,
auf dem etwas stand, der buckligen Dichter Kuno Kohn. Um andere Tische
hockten Leute. Dazwischen bewegten sich Männer mit gelben und roten
Schädeln; Weiber; Literaten; Schauspieler. Überall huschten schattige
Kellner.

Kuno Kohn war ohne viel Gedanken. Er summte für sich:

"Ein Nebel hat die Welt so weich zerstört: -

Da begrüsste ihn der Dichter Gottschalk Schulz, ein Jurist, der durch alle
Examina, denen er sich unterzogen hatte, mühevoll gefallen war. Mit ihm
kam ein schönes Fräulein. Die beiden setzten sich zu Kohn. Schulz und
Kohn waren Mitarbeiter der von dem kleinen begeisterten Lutz Laus für
die Hebung der Unsittlichkeit angefertigten Monatsschrift: "Der Dackel",
Schulz erzählte dem Kohn, dass der Dackel-Laus demnächst eine
gottlose Religion auf neojuristischer Grundlage erfinden werde, zwecks
Organisation eine konstituierende Versammlung in einem nahen Kintopp
einberufen wolle. Kohn hörte kopfschüttelnd zu. Das schöne Fräulein ass
Kuchen. Kohn sagte traurig:

"Laus ist ein Grosser und Rührender. Aber gläubig kann uns kein Jesus
mehr machen. Wir sterben mit jedem Tage tiefer in den öden ewigen Tod
ein. Wir sind hoffnungslos zerrüttet. Unser Leben wird ein sinnloses Schau-
Spiel bleiben."

Das essende Fräulein sah mit fröhlichem, deutlichem Gesicht aus rotbraunen
Augen verständnislos hinüber. Schulz war in trübselige Gedanken versunken.
Das Fräulein sagte, auch ihr ganzes Leben sei das Schauspiel. So sinnlos
könne sie dies nicht finden. In der Theaterschule, in der sie sich auf die
Bühnenlaufbahn als sentimentale Liebhaberin vorbereite, werde Tüchtiges
geleistet. Herr Kohn möge einmal hinkommen, um sich davon zu überzeugen.
Kuno Kohn blickte das Fräulein eine Weile innig an. Er dachte:

"Solch kleines dummes Fräulein..." Er ging aber bald weg.

Draussen hielt ihn plötzlich der Lyriker Roland Rufus Müller erregt an einem
Arm fest, er rief:

"Haben Sie die Kritik eines gewissen Bruno Bibelbauer in der medizinischen
Monatsschrift gelesen, in der behauptet wird, meine Paranoia bestehe darin,
dass ich mir einbilde, Paralyse zu haben! Alle Menschen sehen mich
merkwürdig an, ich bin berühmt. Mein Verleger gibt mir viel Vorschuss. Aber -
ach, ich darf es nicht sagen - ich bin unheilbar."

Er lief schleunigst in ein besseres Weinrestaurant.

Ein Pferd humpelte wie ein alter Mensch vor einem Wagen. Der bucklige
Kohn lehnte lässig an einer katholischen Kirche, überlegte das Dasein.
Er sagte sich:

"Wie drollig ist dennoch das Dasein. Und da lehnt man nun; irgendwo;
irgendwie; ohne Beziehung; ganz belanglos; könnte ebenso gut, ebenso
schlecht weiterschreiten; irgendwohin. Das macht mich unglücklich." -

Vor ihm war ein kleiner lautloser Hurenhund stehengeblieben, hatte mit
glimmenden Augen demütig zugehört.

Eine feurige gläserne Brautkutsche hüpfte vorbei. Innen, in einer Ecke,
sah er das bleiche geschlossene Gesicht eines Bräutigams. Eine leere
Droschke kam, der Kohn ging hinterher. Er sagte leise:

"Ein Sucher ohne Ziel... Ein Haltloser... Unbekannt mit allem... Man hat
eine furchtbare Sehnsucht. O wüsste man wonach."

Die Strassen schimmerten schon weisslich, als er die Tür des Hauses,
in dem er wohnte, öffnete. In seinem Zimmer sah er die Bilder von lauter
gestorbenen Menschen, die an einer Wand befestigt waren, schweigsam
und feierlich traurig an. Dann begann er, die Kleidungstücke von dem
Buckel zu nehmen. Als er nur noch mit Unterhosen, Hemd, Socken bedeckt
war, sagte er murmelnd und seufzend:

"Allmählich wird man wahnsinnig -"

In dem Bett nahm das Denken ab. Ihm fielen für das Einschlafen die
rotbraunen Fräuleinaugen aus dem Café Klösschen ein ...

Diese Augen leuchteten auch in den folgenden Tagen sonderbar oft in
seinem Hirn. Das wunderte ihn. Erschreckte ihn. Sein Verhältnis zu Frauen
war eigenartig. Im allgemeinen hatte er sogar einen Widerwillen gegen sie,
es trieb ihn zu Knaben. Aber in gewissen Sommermonaten, wenn er zu
innerst zerbrochen und unselig war, verliebte er sich häufig in ein junges
kindhaftes Weib. Da er infolge seines Buckels zumeist abgewiesen, oft
sogar verhöhnt wurde, war die Erinnerung an diese Frauen und Mädchen
entsetzlich. Er nahm sich daher zu diesen Zeiten in acht. Ging zu Dirnen,
wenn er Gefahr fühlte.

Lisel Liblichlein hatte ihn überrumpelt, ohne eine Ahnung davon zu haben.
Vergeblich dachte er an die Qualen der Misserfolge. Vergeblich stellte er
sich vor, dass Lisel Liblichlein eins der vielen, zierlichen, in wundervolle
Unwissenheit und glücksuchende Sehnsucht verwirrten Geschöpfe sei,
die überall auf der Erde, einander sehr ähnlich, zu finden sind ...
In einem weichen Abend voller grünlichgelber Laternen, voller Regenschirme
und Strassenschmutz stand ein kleiner buckliger Mensch ängstlich wartend
neben dem Hausschild einer Theaterschule.



III

MANCHMAL kam ein Wind, ein giftiger heisser Hund. Wie zähes, glühendes
Öl lag die Sonne auf den Häusern und auf den Strassen und auf den
Leuten. Kleine geschlechtslose Menschlein mit schrägen Beinen hopsten
sinnlos um den vergitterten Vorgarten des Café Klösschen. Innen prügelten
sich Kuno Kohn und Gottschalk Schulz. Andere sahen zufällig zu. Lisel
Liblichlein sass ernsthaft in einer Ecke.

Die Veranlassung war gewesen: Herr Kohn hatte Fräulein Liblichlein
mehrmals von der Theaterschule nach Hause begleitet. Als Schulz davon
erfuhr, wurde er grundlos eifersüchtig. Er fing an, über den Kohn
Schlechtes zu reden. Lisel Liblichlein, die den Vetter durchschaute,
verteidigte den Buckligen. Darüber ärgerte sich der Schulz noch mehr.
Er erklärte überzeugend, er werde sich erschiessen. Das unterliess er,
drohte aber, er werde auch sie erschiessen. Da verbat sie sich seine
Gesellschaft. -

Lisel Liblichlein musste einen Menschen haben, mit dem sie sich über
ihre wichtig empfundenen Alltäglichkeiten aussprechen konnte. Sie wählte
nach dem Zank mit Schulz aus irgendeinem ungeklärten Instinkt den Kohn.
So kam es, dass sie ihn an dem Mittag des Prügeltages in das Klösschen
bestellt hatte, um vielleicht über die Wahl eines Kleides oder über die
Auffassung einer Rolle oder über ein kleines Geschehnis mit ihm zu beraten.
Kohn war soeben gekommen, wollte sich gerade über die Wünsche des
Fräulein informieren, als Gottschalk Schulz hineinfiel, mit rotgeschwollenem
Gesicht vor ihm war, ihn einen gewissenlosen Mädchenverführer nannte.
Kohn versuchte den Schulz von unten zu ohrfeigen. Dann schlug jeder
wütend und schweigend auf den anderen. Das Schild des Abortpächters,
auf dem vorher zu lesen war:

"Mein Institut ist jetzt hier, Eingang dort" - lag zerschmettert auf dem Boden.
Plötzlich stiess die Hand des Schulz wuchtig auf den Buckel Kohns. Die
Hand hatte ein blutiges Loch, auch der Buckel war beschädigt. Schulz rief
leichenbleich:

"Der Buckel ist lebensgefährlich."

Danach liess er sich von einem Oberkellner nach einer Unfallstation
begleiten. Lisel Liblichlein würdigte er keines Blickes.

Kohn achtete nicht sehr auf den geschundenen Buckel. Er setzte sich wieder
zu Lisel Liblichlein an den Tisch, bestellte Tee mit Zitrone. Sie sah, wie immer
deutlicher Blut durch seinen fadenscheinigen Gehrock sickerte. Sie machte
ihn auf den blutigen Gehrock aufmerksam, er erschrak. Sie sagte, ob sie
die Wunde verbinden solle - Er sagte bitter, einen Buckel anzufassen,
werde ihr nicht angenehm sein. Sie sagte mitleidig errötend, ein Buckel sei
menschlich - Sie sagte, er möge zu ihr kommen. Der Buckel müsste
gesäubert und gekühlt werden. Dann wolle sie einen Verband machen.
Er könne den Nachmittag bei ihr verbringen ...

Kohn ging freudig zögernd auf ihren Vorschlag ein.

Sie sassen bis in die Nacht in der kleinen Stube Lisel Liblichleins. Unterhielten
sich über Seele, Buckel, Liebe. -

Schriftsteller Schulz war von diesem Tage an verschollen. Zuletzt hatte ihn ein
Bekannter an dem Abend vor dem Schaufenster eines Schuhwarengeschäftes
gesehen: Er soll jeden Stiefel einzeln trübsinnig betrachtet haben.
"Heisse Helden" - eine Zeitschrift für romantische Décadence - erhielt bald
danach einen Eilbrief, in dem Schulz mitteilte, dass er im Begriffe sei, sich
aus seelischen Gründen das Leben zu nehmen. Einige hielten diese Mitteilung
für nicht mehr neue Reklame. Die meisten waren begeistert. Die Zeitungen
brachten aufregende Notizen. Ein Schulz-Leichen-Suchefonds wurde gegründet.
Ein Fabrikbesitzer stiftete einen gediegenen Sarkophag.

Man durchforstete Wälder und Wiesen. Stocherte mit langen Stangen in allen
Seen. Man fand keine Spur von Schulz. Wollte das Suchen schon aufgeben,
als man ihn ganz entstellt in einem mittelmässigen Hotel eines entlegenen
Vorortes entdeckte. Er hatte sich an einem windigen Teich eine schwere
Influenza zugezogen, die ihn wochenlang an ein Bett fesselte. Man traf ihn
auf der knarrenden Hoteltreppe, wie er, in viele Decken und Tücher gehüllt,
noch einmal seine Selbstmordabsichten versuchsweise verwirklichen wollte.
Unschwer brachte man ihn davon ab, führte ihn triumphierend in die Stadt
zurück. Der Sarkophag wurde versetzt. Aus dem Erlös und von dem Rest
des Schulz-Leichen-Suchefonds wurde ein Bohemefest veranstaltet - - -

Gottschalk Schulz selbst thronte als Faust weltschmerzlich in einem Winkel.
Der begabte Doktor Berthold Bryller erschien als: Einer der Literaten, die
fett werden. Lutz Laus verhielt sich in päpstlichem Ornat. Der Gymnasiast
Spinoza Spass - der Klösschenclown - hatte ein Siegfriedkostüm um den
Leib gehängt, sich einen Goethekopf firsiert. Der Lyriker Müller lag bald
als grüne betrunkene Leiche. Kuno Kohn, der sich mit Schulz formell wieder
ausgesöhnt hatte, kam, wie er war. Mit ihm auch Lisel Liblichlein, sie trug
ein ländliches Kleid. Die anderen liefen als Chinesen, Schimpansen, Götter,
Nachtwächter, Leute von Welt quietschend und quer durcheinander. Das
ganze Klösschen war vorhanden.

Lisel Liblichlein tanzte in dieser bunten, kreischenden Nacht nur mit dem
buckligen Dichter. Manche sahen dem seltsamen Paar zu, aber es liess
sich nicht lachen. Der Buckel Kohns stiess hart und rücksichtslos wie
eine Tischkante gegen die weichen anderen. Es schien, als wäre ihm eine
Lust, immer wieder den Buckel in einen Tanzenden zu stechen. Niemals
versäumte er, mit Fistelstimme, unverschämt höflich, "pardon" zu sagen,
wenn ein verrücktes Weib hochschrie oder einer aus Seligkeit "verflucht ..."
knurrte. Lisel Liblichlein hielt den Dichter mit der einen Hand unten an
dem Buckel wie an einem Henkel, mit der anderen Hand presste sie den
eckigen Kopf Kohns sanft an ihre Brust. So tanzten sie durch viele
besessene Stunden.

Kohns Buckel wurde immer schmerzhafter für die anderen Tänzer. Man
wagte Empörung zu äussern. Die Festleitung teilte dem Kohn mit, dass er
ersucht werde, das Tanzen einzustellen. Mit einem derartigen Buckel
dürfe man nicht tanzen. Kohn widersprach nicht. Lisel Liblichlein sah,
dass sein Gesicht grau wurde.

Sie führte ihn in eine versteckte Nische. Da sagte sie:

"Von nun an sage ich "du" zu dir."

Kuno Kohn antwortete nicht, aber er empfing ihre mitleidende Seele wie
ein Geschenk in seine wasserblauen Troubadouraugen. Sie sagte zitternd,
dass sie ihn mit einem Mal so lieb habe, sei ihr unverständlich... Sie wolle
seine arme Hand niemals mehr loslassen... Sie habe nicht gewusst, dass
man so masslos glücklich sein könne... Kuno Kohn lud sie ein, ihn an dem
nächsten Abend zu besuchen. Sie sagte gern zu.

Kuno Kohn und Lisel Liblichlein waren wohl die ersten, die das taumelnde
Fest verliessen. Sie gingen flüsternd in den himmelhellen, von Mondlicht
leuchtenden Strassen. Der verliebte Dichter warf abenteuerliche Schatten
mit riesigen Höckern auf das Pflaster.

Bei dem Abschied senkte Lisel Liblichlein den Kopf zu Kohn nieder. Sie
küsste mehrmals seinen Mund. So trennten sich Kuno Kohn und Lisel
Liblichlein... Er sagte, er freue sich, dass sie ihn an dem nächsten Abend
besuchen werde. Sie sagte ganz leise:

"Ich... ach... auch..."


Die Häuser standen wohlgeordnet wie Bücher in Regalen auf den
gepflegten Strassen. Der Mond hatte hellblauen Staub auf sie geschüttet.
Wenige Fenster waren wach, die funkelten friedlich wie einsame
Menschenaugen, hatten immer denselben goldfarbenen Blick. Kuno
Kohn ging nachdenklich heim. Der Körper war gefährlich nach vorn
geneigt. Die Hände lagen fest auf dem Ende des Rückens. Der Kopf
war weit heruntergefallen. Zu oberst ragte der Buckel, ein abenteuerlicher
spitzer Stein. Kuno Kohn war in dieser Stunde kein Mensch mehr, er hatte
seine eigene Form.

Er dachte: "Ich will vermeiden, glücklich zu werden. Das bedeutete: Die
Sehnsucht über alle Erfüllung hinaus, die mein köstlicher Inhalt ist, aufgeben.
Den heiligen Buckel, mit dem ein freundliches Geschick mich geweiht hat,
durch den ich das Dasein viel, viel tiefer, unseliger, herrlicher gespürt habe,
als die Menschen es spüren, zu einer lästigen Äusserlichkeit degradieren. -
Ich will aus Lisel Liblichlein ihr höheres Wesen herausbilden. Ich will sie
heillos unglücklich machen..."

Während der Dichter Kohn dies dachte, erstach sich der Dichter Schulz
endgültig mit einem Salatmesser. Er hatte Kuno Kohn und Lisel Liblichlein
bei ihrer vertrauten Unterhaltung in der Nische beobachtet. Hatte gesehen,
wie sie zusammen weggingen. Er bemühte sich, seinen Jammer zu besaufen
und zu befressen, es half nicht. Nachdem er einige Stunden gegessen und
getrunken hatte, war er geisteskrank. Er sang:

"Der Tod ist eine ernsthafte Angelegenheit.. Der Tod lässt nicht mit sich spassen...
Der Tod ist ein dringendes Bedürfnis..."

Dann pikte er sich zaghaft und zögernd das erste beste Messer in die linke
Brust. Blut und blutige Salatreste spritzten umher. Diesmal war der Selbstmord-
verusch von Erfolg gekrönt.



IV

LISEL Liblichlein erschien an dem nächsten Abend früher als verabredet
war. Kuno Kohn öffnete die Tür, Blumen in der Hand haltend. Er freute
sich sichtbar, er sagte, er habe kaum gehofft, dass sie kommen werde.
Sie legte die Arme um seinen knochigen Körper, presste ihn an ihren
Leib mit saugendem Druck, sagte:

"Du buckliges Dummchen... ich hab dich doch gern - "

Einige einfache Abendgerichte wurden gegessen. Sie streichelte ihn,
wenn ihr etwas gut schmeckte. Sie sagte, sie wolle bis nach Mitternacht
bei ihm bleiben. Dann könnte sie mit ihm den Beginn ihres achtzehnten
Geburtstages feiern...

Aus einer Kirchenuhr kam der neue Tag. Die ersten lauten Atemzüge
drangen wie gestöhnte Gebete in das verhangene Kohnsche Zimmer.
Da war Lisel Liblichleins junger Seelenkörper ein Tempel geworden, sie
hatte sich dem buckligen Priester mit rührender Selbstverständlichkeit
unter Schmerzen geopfert. Hatte gesagt:

"Bist du jetzt froh - " Lag aufgelöst in Traum und Ergriffenheit. Die dünne
Haut der Lider hüllte sie ein.

Plötzlich rannte ein Entsetzen über den Körper. Hatte sie den Schrecken
in dem Gesicht wie Krallen. Waren aufgerissene schreiende Augen über
dem Buckligen. Sagte Lisel Liblichlein tonlos:

"Dies - war - das Glück - - - " Kuno Kohn weinte.

Sie sagte: "Kuno, Kuno, Kuno, Kuno, Kuno, Kuno... Was fange ich mit
dem übrigen Leben an?"

Kuno Kohn seufzte. Er sah ernst und gütig in ihre elenden Augen.
Er sagte: "Armes Lisel! Das Gefühl der vollkommenen Hilflosigkeit, das
dich überfallen hat, habe ich häufig. Der einzige Trost ist: traurig sein.
Wenn die Traurigkeit in Verzweiflung ausartet, soll man grotesk werden.
Man soll spasseshalber weiterleben. Soll versuchen, in der Erkenntnis,
dass das Dasein aus lauter brutalen hundsgemeinen Schmerzen
besteht, Erhebung zu finden." -

Er wischte Schweiss von Buckel und Stirn.

Lisel Liblichlein sagte:

"Warum du eine lange Rede hälst, weiss ich nicht. Was du gesagt hast,
verstehe ich nicht. Dass du mir das Glück genommen hast, war lieblos,
Kohn." - Die Worte fielen wie Papier.

Sie sagte, sie wolle gehen. Er möge sich ankleiden. Der nackte Buckel
sei ihr peinlich...

Kuno Kohn und Lisel Liblichlein sprachen kein Wort mehr, bis sie sich vor
der Tür des Hauses, in dem das Pensionat war, für immer trennten. Er
sah in ihr Gesicht, hielt ihre Hand, sagte:

"Lebe wohl - " Sie sagte leise: Lebe wohl!"

Kohn duckte sich in seinen Buckel. Lief niedergebrochen davon. Tränen
verschmierten das Gesicht. Er fühlte die nachschauenden betrübten Blicke
auf seinem Rücken. Da rannte er um die nächste Häuserecke. Er blieb
stehen, trocknete die Augen mit einem Tuch, eilte weinend weiter.

Wie Krankheit kroch schleimiger Nebel in der erblindenden Stadt. Laternen
waren düstere Sumpfblumen, die auf schwärzlich glimmenden Stielen
flackerten. Dinge und Wesen hatten nur fröstelnden Schatten und
verwischte Bewegung. Wie ein Ungestüm torkelte ein Nachtomnibus an
Kohn vorüber. Der Dichter rief:

"Jetzt ist man wieder ganz einsam." -

Da begegnete ihm eine grosse Bucklige mit langen Spinnenbeinen in
gespenstig durchscheinendem Rock. Der Oberkörper glich einer Kugel,
die auf einem hohen Tischchen liegt. Sie sah ihn mitleidig lockend an,
mit verliebtem Lächeln, das durch den Nebel zu einer tollen Grimasse
gezerrt wurde. Kohn war sogleich in dem Grau verschwunden. Sie ächzte,
dann trug sie sich weiter.

Lahmer Tag hinkte heran. Zertrümmerte mit eiserner Krücke die Reste
der Nacht. Das halb ausgelöschte Café Klösschen lag in dem lautlosen
Morgen, eine glänzende Scherbe. In einem Hintergrund sass der letzte
Gast. Kuno Kohn hatte den Kopf in den bebenden Buckel gesenkt. Die
dünnen Finger einer Hand bedeckten Stirn und Gesicht. Der ganze
Körper schrie lautlos.

- Alfred Lichtenstein 1889-1914 -

Quelle: Alfred Lichtenstein, Gesammelte Prosa, Arche, 1966; S. 49-62.

Alfred Lichtenstein war ein deutscher expressionistischer Schriftsteller.
Er verfasste stark groteske Lyrik und Prosa. Mehr bei Wikipedia.









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