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LIEBESGEDICHTE von
Brentano
Goethe
Rilke
Sidonie Grünwald-Zerkowitz
Yvan und Claire Goll


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zitat

Es bedarf nur einer
Kleinigkeit, um zwei
Liebende zu unterhalten.

- Goethe -

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Schöne Erzählungen in Prosa, Liebesgedichte und Liebesbriefe,
sowie Geschichten über Liebe und Freundschaft.

In der Abenddämmerung

Es war in der Abenddämmerung im heissen Augustmonat, in Teplitz,
er (Goethe) sass am offnen Fenster, ich stand vor ihm und hielt ihn
umhalst, und mein Blick, wie ein Pfeil scharf ihm ins Aug gedrückt,
blieb drin haften, bohrte sich tiefer und tiefer ein. Vielleicht weil er's
nicht länger ertragen mochte, frug er, ob mir nicht heiss sei, und ob
ich nicht wolle, dass mich die Kühlung anwehe, ich nickte, so sagt'
er:

"Mache doch den Busen frei, dass ihm die Abendluft zugute komme."
Und da er sah, dass ich nichts dagegen sagte, obschon ich rot ward,
so öffnete er meine Kleidung; er sah mich an und sagte:

"Das Abendrot hat sich auf deine Wangen eingebrennt", und dann
küsste er mich auf die Brust und senkte die Stirne darauf; - "kein
Wunder", sagte ich, "meine Sonne geht mir ja im eignen Busen unter."

Er sah mich an, lang, und waren beide still. - Er fragt':

"Hat dir noch nie jemand den Busen berührt?" - "Nein", sagt' ich, "mir
selbst ist es so fremd, dass du mich anrührst." -

Da drückte er viele, viele und heftige Küsse mir auf den Hals, mir war
bang, er solle mich loslassen, und er war doch so gewaltig schön, ich
musste lächlen in der Angst und war doch ganz freudig, dass mir's
galt, diese zuckende Lippen und dies heimliche Atemsuchen, und wie
der Blitz war's, der mich erschüttere, und meine Haare, die von Natur
sich krausen, hingen herunter, er wollte Ruhe wieder, ich sah es recht
in seinem Gesicht, wie er sich fasste, und sammelte mein zerstreutes
Haar in der Hand, und war immer wieder still, wie wenn er hätte sprechen
wollen und hatte nicht Atem.

Dann sagt' er so leise erst:

"Du bist wie das Gewitter, deine Haare regnen, deine Lippen
wetterleuchten, und deine Augen donnern." -

Da fand ich auch meine Stimme:

"Und du bist wie ein Zeus, du winkest mit den Brauen,
und der Olympus erzittert." -

"Wenn du künftig abends dich auskleidest und die Sterne leuchten dir
in den Busen wie jetzt, willst du da meiner Küsse gedenken?" -

"Ja!" -

"Und willst denken, dass ich ohne Zahl wie die Sterne tausendfach
das Siegel meiner Liebe dir in den Busen drücken möcht?" -

"Ja!" -

"Und willst denken, dass es Unvergessliches ist, Unsterbliches,
was ich in dir erlebe, willst du das glauben?" -

"Ja!" sagt' ich, "ich will's glauben!" -

Er ... ja wie war's doch? -

Er seufzte so tief, und lehnte den Kopf an mich, und:

"Verzeih mir's", sagte er, "dass ich so ganz stark nicht bin", und sah
zu mir hinauf und drückte mir den Busen fest ... jetzt streckte er die
Arme wieder nach mir und sagte:

"Komm!" - und zog mich aufs Knie und drückt' meinen Kopf
ans Herz und spielt' mit meinem Ohr und lehnte mit der Stirne an
meiner Stirne und so lange Zeit, wo ihm Schweisstropfen auf mich
niederfielen, erst küsst' ich sie auf, dann bekam ich wahrhaftig
Durst darnach, und trank sie mit den Lippen auf, die Augenwimpern
badete ich ihm mit meinen Lippen. -

Der Schweiss perlte über seinem herrlichen Mund, den er herb
geschlossen hielt, er seufzte tief, er ächzte, ich liess mich nicht
stören, ich leckte alle Schweissperlen auf, er legte die Zunge auf
die Lippen, ich biss sie ganz leise, ich biss auch in die Lippen,
er drückte mich an seine Wangen, und meine Tränen liefen ihm
über das Antlitz; er sagte wieder:

"Weib! Weib! wenn du wüsstest, wie süss du bist, dann! ja dann erst
könntest du's begreifen, wie streng die Fesseln sind, die deine Unschuld
mir anlegt, dass ich's nicht vermag, sie zu zerreissen."

- Bettina von Arnim 1785-1859, deutsche Schriftstellerin -

Aufzeichnung der Bettina von Arnim; Teplitz, August 1810;
Quelle: Goethe Brevier, Reclam Lesebuch, 1989.




Prosa Gedicht von Francisca Stoecklin

Die Lichtung


Ich denk an dich. Ich denke an die Liebesstunden.
Die wir im Waldesinnern süss erlebten.
Auf feuchtem Laub, vorbei an ernsten Tannen,
Buchen, braunen Pilzen. Auf kaum begangenem
Wege kamen wir zu einer Lichtung.
Der Himmel weitete sich plötzlich leuchtend über uns.
Du riefst "wie schön das ist!" Die Sonne strahlte mild,
Umfing mit ihrem Gold die dunklen Bäume
Und das helle Grün der Himbeersträucher,
Von denen wir die reifen Früchte nahmen,
Einander lachend auf die Lippen legten.

Dann sanken wir beseligt in das weiche Moos
Dein Kopf lehnte an meiner Schulter, sanft,
Du hieltest meine Hand. Die alten Tannen rauschten
Feierlich. Und aus dem Dickicht
Trat ein Reh .. das lange lauschend blieb.

Da blickten wir uns tiefer in die Augen,
Die das klare Blau des Himmels hatten.
Wir sprachen nichts, wir dachten kaum etwas.
Wir ahnten nur die Ewigkeit des Augenblicks,
Und dass die Seelen sich ganz nahe waren.

- Francisca Stoecklin 1894-1931, schweizer Dichterin -







Prosa Gedicht

Wenn wir lieben


Wenn wir lieben, sind wir zeitlos,
Liegen bei den tiefsten Feuern,
Sehen dann von Ferne bloss,
Dass die Lebensstunden sich erneuern.

Werden wie die Gottheit gross,
Fühlend in die Höhen, Tiefen, Breiten,
Wissend alles, was vorüberfloss
An den Quellen der Unendlichkeiten.

Wissend, liebend jed' Geschehen,
Mitgeniessend alles, was die Welt genoss,
Sehend, ohne mit dem Aug' zu sehen,
Untergehend und bestehend Schoss im Schoss.

- Max Dauthendey 1867-1918, deutscher Dichter und Maler -



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