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Melück Maria Blainville



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zitat

Die Liebe wertet ihr Objekt,
der Hass entwertet es. Liebe ist
Ausströmung inneren Wertens,
Hass Ausströmung innerer
Wertlosigkeit.
Die Liebe beseelt, der Hass
entseelt.

- Ferdinand Ebner -

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Hier erhalten Sie eine schöne Geschichte über Liebe und Leidenschaft, geschrieben von dem deutschen Schriftsteller Achim von Arnim.

Melück Maria Blainville

Etwa zwei Monate vor ihrem Debüt, kam der Graf Saintree, der
wegen einer Liebschaft vom Hofe verbannt worden, zu seiner
Zerstreuung nach Marseille; er war als der liebenswürdigste
Mann aus der grossen Welt bekannt, aber seine Laune machte
ihn selten geneigt, alle Vorteile dieses guten Rufs zu ernten.
Frauen, die sich ihm in Marseille aufdrängten, wusste er von
nichts so ausführlich, so feurig, so hinreissend, als von seiner
geliebten Mathilde zu unterhalten, immer trug er denselben
Rock von blauer Seide, den er beim Abschiede von ihr getragen,
auf dessen linker Brust ihre Tränen gefallen, was er einer
Verwandten vertrauete und bald alle wussten.

Melück ward zu seiner Unterhaltung in eine Gesellschaft
gebeten, sie hatte von ihm und seiner Leidenschaft, von der
sonderbaren Anhänglichkeit zu dem Rocke durch mehrere
Frauen gehört, sie schien es zu wünschen, von ihm
ausgezeichnet zu werden, denn kaum bedurfte es, gegen ihre
sonstige Gewohnheit, einer leisen Bitte, eines Winks von ihm,
um sie zu bewegen, einige der leidenschaftlichen Stellen der
Phädra mit ihrem morgenländischen Feuer herzusagen.

Sie hatte nie so schön gesprochen; jedermann sah mit einer
fragenden zufriedenen Miene den Grafen an, gleichsam, als
wollten sie sagen: "Hätten Sie solch ein Talent in der Provinz
vermutet?" -

Der Graf aber, zerstreut von dem Gedanken an seine Mathilde,
die er einmal bei diesem Stücke nach dem Theater begleitet
hatte, konnte das eigentümlich Vortreffliche in ihrem Spiel
nicht beachten. Ihm fielen nur einzelne Fehler auf; statt der
Begeisterung, die jedermann von ihm forderte, bezeigte er
nur eine allgemeine Artigkeit; er machte sie nachher auf einige
Übergänge aufmerksam, die sie verfehlt hätte, und bat sie,
diese noch einmal zu sprechen; das alles aber mit einem feinen
Welttone, der durchaus nicht beleidigen konnte.

Es mochte ihr etwas ganz Ungewohntes sein, vor einem jungen
Manne, wie vor einem Lehrer zu stehen; sie wollte scherzen,
aber er entiess sie nicht so leicht aus der Schule; er sprach ihr
die Stellen mit einer Rührung, mit einer Sicherheit, mit einem
Wohlklange, dass sie seine Überlegenheit anerkennen, und
ihn bitten musste, ihr während seines Aufenthaltes die öftere
Mitteilung seines Urteils nicht zu versagen.

Ihr ganzes Wesen schien in dieser Unterredung verwandelt;
statt der gewohnten Sicherheit wählte sie ängstlich unter
ihren Worten und belauschte jede seiner Äusserungen;
sie widersprach ihm selbst da nicht, wo sie erst das
Entgegengesetzte versichert hatte. Beim Abschiede beklagte
sie, wie schnell die Zeit vergangen und war doch die Letzte
in der Gesellschaft. Ihre Verehrer blieben zurück, unterhielten
sich über sie, und, statt den Grafen zu beneiden, freuten sie
sich, dass Frankreich doch einen Mann hervorgebracht, der
diese stolze Morgenländerin bändigen könnte.

Saintree kam am andern Tage zum Besuche in das schön
eingerichtete Haus der Melück. Sie sprach sehr zärtlich, sie
führte die Rede auf das Glück der Zuneigung; er wurde
dadurch veranlasst, ihr zu erzählen, wo er seine Mathilde
zum ersten Male und zum letzten Male gesehen hatte; er
drückte mit Mühe die Stelle seines Rockes, die seiner Mathilde
Tränen eingesogen, an die Lippen und vergass darüber, alles
was ihn umgab, selbst die Art Vorsicht, die jede Liebe fordert,
aber selten eingibt.

Allmählich führte aber Melück das Gespräch auf etwas, das sie
näher anging, auf die Kunst; sie erkundigte sich nach der Art,
wie die berühmtesten Pariser Schauspielerinnen den Mantel
trügen und bewegten. Saintree entwickelte ihr dies im allgemeinen;
Melück verriet aber eine so gänzliche Unbekanntschaft damit, dass
er in grossem Kunsteifer ihr jede Stellung, Bewegung und verwandelte
grosse Drapierung vorzumachen strebte, wozu ihm ein grosser roter
antiker Mantel, den er im Zimmer fand, vorteilhaft diente.

Der Tag war aber ungewöhnlich heiss und sein Lieblingsrock zu
enger; er genügte sich nicht in den Bewegungen und sagte die
Ursach. Sie bat ihn, den Rock abzulegen, es sähe ja niemand.
Nach einigen Entschuldigungen benutzte er ihre Erlaubnis. Es stand
eine grosse Gliederpuppe im Zimmer, wie sie damals noch häufig in
den Provinzen gebraucht wurden, um Kleider neuer Moden daran zu
versuchen, und zu drapieren, fast in der Art, wie Maler sie als Ersatz
für lebende Modelle brauchen.

Der Graf, leichtsinnig von Natur, mutwillig durch die ungewohnte Freiheit,
bat scherzend, seinen Rock dieser Puppe anziehen zu dürfen, damit er
sich selbst in ihr, als einen strengen Kritiker bei seinen Stellungen
fürchten müsste. Melück warnte ihn im Scherz, dass die Statue durch
den geheimnisvollen Rock nur nicht belebt werde.

Er zog ihn ungestört und mit Leichtigkeit der Puppe an, setzte ihr auch seinen
Hut auf, wie er ihn zu tragen pflegte und gab ihr zur Preisverteilung einen
blühenden Granatenkranz in die Hand, der auf dem kleinen Tische der
Melück sich gefunden hatte. Jetzt nahm er selbst den roten goldgestrickten
Mantel über und deklamierte, indem er sich zu der Puppe hingewandt hatte,
die letzten Reden der Phädra am Schlusse des vierten Aufzuges, die sich
schliessen mit den beiden Versen:

"Détestables flatteurs, présent le plus funeste,
Que puisse fare aux rois la colère céleste."

Bei diesen letzten Worten, die der Graf mit einer heftigen Schlussbewegung
gesprochen hatte, klatschte die Puppe dreimal mit beiden Händen hörbar
zusammen, warf den Kranz auf des Grafen erstauntes Haupt und verschränkte
dann beide Arme über der Brust, wie jemand, der bei heftiger Bewegung des
Herzens sich doch den ruhigen Anstand eines Zuschauers geben möchte.

Erst erschrak der Graf, doch allzu geübt in der notwendigen Vorstellungskunst,
äusserte sich dieses Schrecken nur in einem Blicke, dann verlor er sich in
einem Scherz, indem der bestimmt glaubte, Melick habe durch eine künstliche
Einrichtung diese Bewegung hervorgebracht. Sie aber schien fast ohnmächtig
von dem Schrecke dieses Ereignisses; sie versicherte, diese Einrichtung der
Puppe nicht zu kennen.

Der Graf ging jetzt neugierig heran, um ihren Scherz zu entdecken, er besah
das Gestell, worauf sie stand, hob sie auf, und nirgens war eine Verbindung
zu entdecken. Er wollte die Puppe zur weiteren Untersuchung entkleiden,
aber er vermochte es nicht, ungeachtet er ausgezeichnet stark war, die
fest verschränkten Arme aufzuheben und auseinander zu bringen. Es war,
als wenn die Puppe aus dem Zustande von Beweglichkeit, worin sie lange
gelebt, in eine unwandelbare Ruhe übergegangen sei.

Die Unterhaltung über dieses Ereignis, hatte bis zur Essenszeit gedauert.
Der Graf musste, der Schicklichkeit wegen, Anstalten zum Weggehen
machen. Melück wollte, um ihm den Rock wieder zu verschaffen, die
Nähte auftrennen; aber wie sollte er mit einem zertrennten Rocke auf
der Strasse erscheinen und zum Zunähen fehlte Zeit. Einen andern Rock
holen zu lassen, hätte die Geschichte, die beide, wegen der leicht
möglichen Entstellung, der ganzen Stadt verheimlicht wünschten, leicht
verbreitet.

Melück bat den Grafen in dieser Verlegenheit, er möchte sich in ihrem
Studienzimmer verstecken - die angekleidete Puppe versteckte sie in
einer Nische hinter einem Vorhange - sie wolle ihn mit Lebensmitteln
reichlich versorgen, bis die Nacht seinen Rückzug nach Hause deckte,
wo er leicht irgend ein lächerliches Abenteuer angeben könnte,
weswegen er seinen Rock nicht wieder mitbrächte.

Der Graf war ungemein dankbar für diesen Ausweg, es hatte ihm
unleidlich gedünkt, in einer fremden Stadt, als Gegenstand wunderlicher
Gerüchte umzugehen, die selbst seiner Mathilde gar leicht hätten zu
Ohren kommen können. Er küsste seiner Beschützerin die Hand, gab
sich ihr für diesen Tag völlig gefangen und wurde von ihr in das herrlichste
kleine Seitenzimmer geführt.

Es hatte die Aussicht über die reizendsten Gärten der Stadt; aber ein
näherer Garten vor dem Fenster und in den Vertiefungen des Zimmers
zauberte eine morgenländische Frühlingsluft vor alle Sinnen. Der ganze
Grund des Zimmers bestand aus Rosen, die auf Gold gemalt waren;
was am Boden nicht als Teppich glänzte, war Ruhebette aus dem
buntesten weichsten Wollenzeuge. Sanfte Glockenspiele wurden von
den Vögeln in angenehmen Akkorden bewegt, wenn diese zu ihrem
Futter, das dazwischen verborgen war, flogen, in einem Kristallbecken
spielten unzählige Goldfische und liessen sich an der Oberfläche von
den abgerichteten Kanarienvögeln füttern, die gleich Menschen ein
besonderes Wohlgefallen zu empfinden schienen, artigen Mitgeschöpfen
andrer Elemente ihren Überfluss mitzuteilen.

Der Graf war über diese Tierchen in Entzücken. Er glaubte noch nach
ihnen zu blicken, als er schon mehrere Minuten bloss nach dem Gesichte
der Melück gesehen hatte, das im Wasserspiegel so wunderherrlich
erschien. Es ging ihm wunderbar: Mathilde war ihm in diesem Anblicke
ganz entfallen; er strömte in Freude über, eine so herrliche Freundin
durch den Zufall gewonnen zu haben. Vertraulichkeit wächst schnell;
das Geheimnis macht vertraut; das Ungewöhnliche treibt zum Verbotenen.
Er befand sich so leicht in seinem Mangel an Tracht; konnte er sich nicht
viel leichter machen, durch den Mangel an Sitten? Das Zimmer war so
duftig, blumig, weichlich, in Melücks Händen zerfloss sein sanftes Herz,
wie ein köstlicher Balsam; alles drängte zum Genuss, und Melück
versagte ihm nichts.

Er verliess das Haus, von niemand als von Melück gesehen und
herausgelassen, als die erste Himmelshellung ihn fast nötigte, noch
einen Tag in der süssen Gefangenschaft zu leben. Nun er sich in einer
Entfernung davon erst besann, wusste er gar nicht, wie ihm also geschehen;
seine Mathilde stand vor ihm, als wäre sie gegenwärtig und er seufzte zu ihr
in Gedanken: Kleine, wirst du es mir vergeben? Dann schlug er sich gegen
den Kopf und fühlte noch den Granatenkranz; er nahm ihn beschämt ab
und fand ihn von der Hitze seiner Stirn schnell verwelkt. Er konnte ihn doch
nicht wegwerfen, und steckte ihn ein. Es fror ihn; er lief durch Umwege nach
Hause und erzählte dort, indem er sich entkleiden liess, dem Kammerdiener,
ein erlognes Abenteuer, wie er in einem kleinen Dorfe von drei Bewaffneten
angegriffen, seinen Rock zurückgelassen habe, um sich selbst durch einen
Sprung aus dem Fenster gesund davon zu bringen.

Nachdem er ausgeschlafen, empfand er wieder einige Reue über seine
Untreue, aber eine gefällige Theorie war schnell fertig. Er behauptete,
die ganze Welt sei von zweierlei Liebe besessen; unbeschadet der höheren,
glaubte er sich der Araberin in dem niedren Sinne ergeben zu können, wenn
es Mathilden nur verschwiegen bliebe, und dies wurde seine einzige Sorge.

Ob Melück diese Gesinnung in ihm gefühlt, ist ungewiss; selbst ihre Klugheit
täuschte sich in der Liebe und diese Verbindung, die sie kaum einen Monat
nur für einzelne Stunden beglückte und in den übrigen quälte, glaubte sie
auf eine Ewigkeit in Gedanken ausdehnen zu müssen. Sie lebte noch in
dieser immergrünen Aussicht, als jedes Laub in ihrer Nähe schon abgefallen
war.

Kaum einen Monat hatte diese Verbindung heimlich und erfreulich dem Grafen
gedauert, als er von seiner geliebten Mathilde die Nachricht erhielt, dass der
König endlich den Bitten ihres Oheims nachgegeben habe, die Verbindung
mit Saintree zu gestatten, sie müsse sich aber vom Hofe entfernen; sie fragte
ihn, ob er der Aufopferung fähig sei, diese Glanzatmosphäre seines früheren
Lebens aufzugeben, sie bat ihn, sich ernstlich zu prüfen, und mit sich einig zu
sein, wenn sie mit ihren Eltern in die Gegend von Marseille komme, wo sich ihre
liebsten Hoffnungen und ihre bangsten Sorgen entscheiden müssten.

Dem Grafen blieb keine Freiheit zu zweifeln oder zu fragen, seine Antwort war
Jubel; alles schien ihm erfüllt, und als er am Abend mit der Araberin auf den
weichen Kissen wieder ruhte, da fühlte er eine Unbefriedigung, eine Unruhe,
als wäre in den Kissen eine Fliege eingesperrt, die bei jedem Drucke ihren
Unwillen summend kund machte.

Auch Melück bemerkte an ihm diese Unzufriedenheit, und suchte mit
leidenschatlichem Ungestüm ihm mehr zu gewähren, aber um so drückender
wurde ihm der Unterschied gegen die sanfte Mathilde, die immer mehr zu
geben wusste, indem sie alles verweigerte.

Saintree suchte jetzt mit Melück so schnell wie möglich zu brechen. Der
erste Vorwand dazu war, als er sich nach dem Rocke erkundigte, den er
damals zurückgelassen, und sie ihm versicherte, denselben aus Vorsicht,
damit er nie dadurch kompromittiert werden könnte, verbrannt zu haben.
Er fuhr auf, und klagte über ihre Unmenschlichkeit, geliebte Tränen so
aufopfern zu können, dabei äusserte er seine Leidenschaft für Mathilde
so unbeschränkt, dass sich Melück verhüllte, und in Verzweiflung fast
erstarrte. Der Graf ging fort und glaubte sich von ihr für immer getrennt,
um so unbequemer war ihm ein sehr zärtlicher Brief, den er von ihr am
andern Morgen empfing, wo sie ihr Unrecht in jener Vorsicht anerkannte,
und ihn um die Fortdauer seiner Neigung anflehete, sei es immerhin
geteilt mit Mathilden, aber sie könne nicht ohne ihn leben.

Er sah jetzt, dass alle Arten des Aufhebens von Liebeshändeln, wie er
sie mit Französinnen schon oftmals durchgespielt hatte, auf diese besondre
Natur nicht passten, die jede Beleidigung und Vernachlässigung zwar tief
empfand, aber nicht durch Trotz, sondern durch neue Zärtlichkeit aufzuheben
suchte. Er blieb deswegen nach einer kaltsinnigen Antwort auf ihren Brief
völlig fort: soviel vermochte er leicht über sich.

Briefe bestürmten ihn fast stündlich; er beantwortete sie bald gar nicht mehr.
Zufällig traf er sie in einer Gesellschaft, wo sie ihn, er aber nicht sie erwartet
hatte; sie konnte es nicht lassen, ihm vor allen Leuten Vorwürfe zu machen.
Er liebt sie soviel weniger, als sie ihn liebte, kein Wunder, wenn er gegen
sie in diesem Streite überlegen erschien. Sein Zurückziehen von ihr, schien
ein Sieg der Tugend und ihr ganzes Betragen wurde seit dieser Stunde
verdächtig; jetzt wünschte sie oft Gesellschaft und wurde in vielen Häusern
nicht angenommen, die sonst ihren Umgang erschmeichelt hatten;
Ihr Stolz fühlte sich gekränkt, und sie mied bald alle Gesellschaften.

Der Graf war nicht weniger beunruhigt: teils von dem Reste der Zärtlichkeit,
der ihn in mancher Stunde mahnte, teils von der Sorge, dass sein Verhältnis
zu ihr nun stadtkundig geworden sei, und seiner Mathilde berichtet werden
könnte. Um jeder neuen Heftigkeit der Melück auszuweichen, ging er aufs
Land, wo er seiner Mathilde durch einen glücklichen Zufall begegnete.
Welche Freude des Wiedersehens in den Jahren, wo jeder Tag die Geliebte
verschönert, vervollkommt.

Die Gesinnung beider waren durch das Missgeschick gereift, kaum bedurfte
es noch des besonderen Anstosses einiger Familienangelegenheiten,
um ihre Vermählung zu beschleunigen, die bei einem grossen ländlichen
Feste, wo man zugleich zwölf arme Mädchen aus der Zahl ihrer Untertanen
ausstattete, gefeiert wurde.

Wie feierlich war Mathilde an diesem Tage, wie schön liess ihr der einfache
Schmuck des Kranzes. Der Graf musste auf ihre Bitte jenen blauseidenen
Rock anziehen, den er beim Abschiede getragen, und den er aus Vorsicht
durch einen Rock gleicher Farbe ersetzt hatte. Jedermann gestand ein,
dass es eine glückliche Zeit zu nennen sei, die zwei so ausgezeichnete
Naturen vereinen könnte. Wenige Tage nach seiner Vermählung reiste der Graf
mit seiner jungen Frau nach Marseille, wohin sie sich aus einer jugendlichen
Neugierde sehnte; heimlich fühlte sie wohl ausser dem Wunsche die grosse
Stadt zu sehen, auch einige Eitelkeit, an der Seite des ausgezeichneten Mannes,
der ihr verbunden, sich dieser Stadt zeigen zu können. Er war zu glücklich,
um dort die alten Verhältnisse zu fürchten; er traute der Melück genug Verstand
zu, um sich und ihn nicht weiter zu stören; ihm war es sogar unbedeutend, als
er dort von dem ersten Bekannten hörte, die Melück werde an dem Abende
des Tages, wo er angekommen sei, zum erstenmal in der Rolle der Phädra
auftreten.

Als aber dieser schwatzhafte Freund, in der Absicht den Grafen durch die
eitle Ehre seiner Eroberung einer so spröden Natur, bei seiner Frau zu loben,
scherzend von der leidenschaftlichen Liebe dieser Melück zum Grafen sprach,
und wie dieser sie aus Liebe zu Mathilden öffentlich zurückgestossen habe,
da ward der Graf so rot, es brachte ihn, ungeachtet seiner Weltübung, so
ausser Fassung, dass Mathilde von Eifersucht durchzitterte und durchbrannte.

Der Freund merkte von dem allen nichts, sondern schwatzte weiter, wie die
Stadt in zwei Parteien geteilt sei und dass der grössere Teil auf der Seite
der Torcy stehe, die bisher die Rolle der Phädra gespielt habe, weil die
Melück gegen diese vor der Zeit beleidigend geworden sei und überhaupt
das Gerede der Leute, auch wegen ihres Verhältnisses zum Grafen, gegen
sich habe, - er glaube gewiss, dass sie ohne Erbarmen ausgepfiffen werde.

Mathilde konnte kaum abwarten, bis sie mit ihrem Manne allein war. Sie
machte ihm die heftigsten Vorwürfe, dass er diese sonderbare Leidenschaft
einer Frau zu ihm, die jedem bekannt, ihr allein verschwiegen habe, sie
schloss daraus, dass er sie erwidert.

Er antwortete darauf mit manchem Schwure seiner Treue, es war nicht
das erstemal, dass er in Liebeshändeln falsch geschworen, doch tat es
ihm diesmal leid, und es ging ihm nicht leicht von der Zunge. Die Gräfin
sagte zuletzt, sie wolle ihm unter einer Bedingung glauben, wenn er die
Partei der Torcy ergreifen und bei dem Auspfeifen einstimmen wollte.
Saintree versprach's seiner Frau sehr leichtsinnig, denn er hielt es für
unmöglich, da er beide kannte, dass jemand es nur entfernt wagen
könnte, die herrlich begabte Melück der trocknen Schreierin Torcy
nachzusetzen. Die Gräfin wurde dadurch versöhnt.

Das Schauspielhaus war am Abende sehr früh schon angefüllt, auch die
Parteilosen waren hingegangen, mehr den Kampf, als die Schauspielerin
zu sehen. Jede Partei hatte sich vorteilhaft zu stellen gesucht, um ihre
Meinung hörbar und fühlbar zu machen. Alles war gespannt auf die erste
Veranlassung zum Ausbruche ihrer Gesinnungen; keine von beiden wollte
ohne Grund urteilen, jede wünschte sich aber einen allgemeinen anerkannten
Anstoss. -

Die beiden ersten Auftritte wurden mit einiger Unruhe angehört, manche
drängten sich noch auf einen andern Platz. Jetzt trat Phädra auf - allgemeine
Stille; aber wie erschraken alle Freunde der Melück, als sie nicht mit der
Schwäche nach grosser Leidenschaft, die sie sonst so herrlich darzustellen
wusste, die ersten Worte sprach:

"N'allons plus avant ..." sondern, wie von einem bösen Geiste besessen, mit
Heftigkeit die Worte herausstiess und im ganzen Hause umherblickte, als
hätte sie ihre Worte verloren, und suche sie auf den Lippen der Zuschauer
zusammen, die freilich meist alle die Stelle auswendig wussten und leise vor
sich hersagten. In dieser Unruhe sagte sie mehrere Verse, bis sie den Grafen
in seiner Loge nahe am Theater entdeckt hatte, dessen Ankunft sie eben
von dem schwatzhaften Freunde vernommen hatte.

Jetzt sprach sie fort, ihre starren Augen auf den Grafen gerichtet, bald leise,
bald heftig, als wenn ein Sturmwind vor ihrem Munde rauschte, der die Worte
willkürlich verschlüge. So kam sie bis zu den Worten:

"tout m'afflige et me nuit, et conspire à me nuire";

da hielt sich die Gegenpartei nicht länger, Lachen und Pfeifen verband gleich
alle zu ihrem Schaden und selbst ihre besten Freunde mussten schweigend
eingestehen, dass dieser schlechte Empfang wohlverdient gewesen sei.

Der Graf war in der schmerzlichen Verlegenheit. Melück blickte auf ihn mit
einer fruchtbaren Aufmerksamkeit, seine Frau mit heftiger Eifersucht, indem
sie ihn mitten in dem anfangenden Getümmel bat, seinem Ehrenworte gemäss,
mitzupfeifen, wenn Melück ausgepfiffen würde. Er musste es erfüllen, ihm
ging nichts über seine Ehre; mit innigster Verzweiflung pfiff er die ehemalige
geliebte Freundin aus.

Melück nahm es im Augenblicke wahr, und blickte auf ihn, dass er für einige
Augenblicke erblindete und in einem Krampfe niederstürzte. Melück war
inzwischen mit stolzen ruhigen Schritten von der Bühne gegangen.


- Achim von Arnim 1781-1831, deutscher Schriftsteller -







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