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Märchen von dem Myrtenfräulein



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LIEBESGEDICHTE von
Brentano
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zitat

Es gibt eine schöne Offenheit,
die sich öffnet wie eine Blume:
nur um zu duften.

- Friedrich Schlegel -

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Über Liebe und Freundschaft geht es in dieser schönen Geschichte des deutschen Schriftstellers Clemens Brentano.

Das Märchen von dem Myrtenfräulein

Im sandigen Lande, wo nicht viel Grünes wächst, wohnten einige
Meilen von der porzellanenen Hauptstadt, wo der Prinz Wetschwuth
residierte, ein Töpfer und seine Frau mitten auf ihrem Tonfeld neben
ihrem Töpferofen, beide ohne Kinder, einsam und allein. Das Land
war ringsum so flach wie ein See, kein Baum und kein Busch war zu
sehen, und es war gar betrübt und langweilig. Täglich beteten die
guten Leute zum Himmel, er möge ihnen doch ein Kind bescheren,
damit sie eine Unterhaltung hätten, aber der Himmel erhörte ihre
Wünsche nicht. Der Töpfer verzierte alle seine Gefässe mit schönen
Engelsköpfen, und die Töpferin träumte alle Nacht von grünen Wiesen
und anmutigen Gebüschen und Bäumen, bei welchen Kinder spielten;
denn wornach das Herz sich sehnt, das hat man immer vor Augen.

Einstens hatte der Töpfer seiner Frau zwei schöne Werke auf ihren
Geburtstag verfertigt, eine wunderschöne Wiege von dem weissesten
Ton, ganz mit goldenen Engelsköpfen und Rosen verziert, und ein
grosses Gartengefäss von rotem Ton, rings mit bunten Schmetterlingen
und Blumen bemalt. Sie machte sich ein Bettchen in die Wiege und
füllte das Gartengefäss mit der besten Erde, die sie selbst stundenweit
in ihrer Schürze dazu herbeitrug, und so stellte sie dei beiden Geschenke
neben ihre Schlafstelle, in beständiger Hoffnung, der Himmel werde ihr
ihre Bitte gewähren; und so betete sie auch einst abends von ganzer
Seele:

Herr! ich flehe auf den Knien,
Schenke mir ein liebes Kind,
Fromm will ich es auferziehen:
Ists ein Mägdelein, dass es spinnt
Einen klaren reinen Faden
Und dabei hübsch singt und betet;
Ists ein Sohn durch deine Gnaden,
Dass er kluge Dinge redet
Und ein Mann wird treu von Worten,
Stark von Willen, kühn von Tat,
Der geehrt wird aller Orten,
Wie im Kampfe, so im Rat.

Herr! bereitet ist die Wiege,
Gieb, dass mir ein Kind drin liege!
Ach, und sollte es nicht sein,
Gieb mir doch nur eine Wonne,
Wärs auch nur ein Bäumlein,
Das ich in der lieben Sonne
Könnte ziehen, könnte pflegen,
Dass ich mich mit meinem Gatten
Einst im selbsterzognen Schatten
Unter ihm ins Grab könnt legen.

So betete die gute Frau unter Tränen und ging zu Bett. In der Nacht war
ein schweres Gewitter, es donnerte und blitzte, und einmal fuhr ein heller
Glanz durch die Schlafkammer. Am andern Morgen war das schönste
Wetter, ein kühler Wind wehte durch das offene Fenster, und die gute
Töpferin lag in einem süssen Traum, als sitze sie unter einem schönen
Myrtenbaum bei ihrem lieben Manne. Da säuselte das Laub um sie und
sie erwachte, und siehe da! ein frisches junges Myrtenreis lag neben ihr
auf dem Kopfkissen und spielte mit seinen zarten im Winde bewegten
Blättern um ihre Wangen. Da weckte sie mit grossen Freuden ihren Mann,
und zeigte es ihm, und sie dankten beide Gott auf ihren Knien, dass er
ihnen doch etwas Lebendiges geschenkt hatte, das sie könnten grünen
und blühen sehen.

Sie pflanzten das Myrtenreis mit der grössten Sorgfalt in das schöne
Gartengefäss, und es war täglich ihr liebstes Geschäft, das junge
Stämmchen zu begiessen und in die Sonne zu setzen und vor bösem
Tau und rauhen Winden zu schützen. Das Myrtenreis wuchs zusehends
unter ihren Händen und duftete ihnen Fried und Freude ins Herz.

Da kam einstens der Landesherr, Prinz Wetschwuth, in diese Gegend
mit einigen Gelehrten, um neue Porzellanerde zu entdecken; denn es
wurden in seiner Hauptstadt Porzellania so viele Häuser davon gebaut,
dass diese Erde in der Nähe der Stadt selten geworden war. Da er in
die Wohnung des Töpfers eintrat, ihn um seinen Rat zu fragen, ward
er bei dem Anblick des Myrtenbäumchens so durch dessen Schönheit
hingerissen, dass er alles andere vergass und in lauter Verwunderung
ausrief:

"O wie lieblich, wie reizend ist diese Myrte! Ihr Anblick hat für mein Herz
etwas ungemein Erquickendes, ich möchte immer in der Nähe dieses
Baumes leben - nein, ich kann ihn nicht entbehren, ich muss ihn
besitzen, und müsste ich ihn mit einem Auge erkaufen."

Nach diesem Ausruf fragte er sogleich den Töpfer und seine Frau,
was sie für die Myrte verlangten. Diese guten Leute erklärten auf die
bescheidenste Weise, dass sie den Baum nicht verkaufen wollten, und
dass er das Liebste sei, was sie auf Erden hätten.

"Ach," sagte die Töpferin, "ich könnte nicht leben, wenn ich meine Myrte
nicht vor mir sähe; ja sie ist mir so lieb und wert, als wäre sie mein Kind,
und kein Königreich nähme ich für diese meine Myrte."

Da der Prinz Wetschwuth dies hörte, ward er sehr traurig und begab sich
nach seinem Schlosse zurück. Seine Sehnsucht nach der Myrte ward so
gross, dass er in eine Krankheit fiel und das ganze Land um ihn bekümmert
wurde.

Da kamen Abgesandte zu dem Töpfer und seiner Frau, und forderten sie
auf, die Myrte dem Prinzen zu überlassen, damit er nicht vor Sehnsucht
sterben möchte. Nach langen Unterhandlungen sagte die Frau:

"Wenn er die Myrte nicht hat, so muss er sterben, und wenn wir die Myrte
nicht haben, so können wir nicht leben; will der Prinz nun die Myrte haben,
so muss er uns auch mitnehmen, wir wollen sie ihm überbringen und ihn
anflehen, dass er uns als treue Diener in sein Schloss aufnehme, damit
wir die gliebte Myrte dann und wann sehen und uns an ihr erfreuen können."

Da waren die Abgesandten zufrieden, sie schickten gleich einen Reiter in
die Stadt mit der frohen Nachricht, die Myrte werde ankommen, der Prinz
sollte Mut fassen. Nun stellte der Töpfer das Gefäss mit der Myrte auf eine
Tragbahre, über welche die Frau ihre schönsten seidenen Tücher gebreitet
hatte, und sie trugen beide, nachdem sie ihre Hütte verschlossen hatten, den
geliebten Baum nach der Stadt, wohin sie von den Abgesandten begleitet
wurden. Von der Stadt kam ihnen der Prinz selbst in einem Wagen entgegen
und hatte ein goldenes Giesskännchen in der Hand, womit er die geliebte
Myrte begoss, bei deren Anblick er sich sichtbar erholte. Vier weissgekleidete,
mit Rosen geschmückte Jungfrauen kamen mit einem rotseidenen Traghimmel,
unter welchem die Myrte nach dem Schloss getragen wurde. Kinder streuten
Blumen, und alles Volk war froh und warf die Mützen in die Höhe. Nur neun
Fräulein in der Stadt waren nicht bei der allgemeinen Freude zugegen,
denn sie wünschten, dass die Myrte verdorren möchte, weil der Prinz, ehe
er die Myrte gesehen hatte, sie oft besuchte und jede von ihnen gehofft
hatte, einst Beherrscherin der Stadt Porzellania zu werden. Seit aber von
der Myrte die Rede war, hatte er sich nicht mehr um sie bekümmert; drum
waren sie auf den unschuldigen Baum so erbittert, dass sich an diesem
Freudentage keine von ihnen erblicken liess.

Der Prinz liess die Myrte an das Fenster seiner Stube stellen und gab dem
Töpfer und seiner Frau eine Wohnung im Schlossgarten, aus deren Fenster
sie die Myrte immer erblicken konnten, womit die guten Leute dann auch
wohlzufrieden waren.

Der Prinz war bald wieder ganz gesund; er pflegte den Baum mit einer
unbeschreiblichen Liebe und Sorgfalt; auch wuchs dieser und breitete
sich aus zu aller Freude. Einstens setzte sich der Prinz abends neben
dem Baume auf sein Ruhebett. Alles war ruhig im Schloss, und er
entschlummerte in tiefen Gedanken. Da nun die Nacht alles bedeckt
hatte, hörte er ein wunderbares Säuseln in seinem Baum und erwachte
und lauschte; da vernahm er eine leise Bewegung in seiner Stube herum,
und ein süsser Duft breitete sich umher. Er war stille, stille und lauschte
immerfort; endlich, da es ihm wieder so wunderbar in der Myrte säuselte,
begann er zu singen:

Sag, warum dies süsse Rauschen,
Meine wunderschöne Myrte!
O mein Baum, für den ich glühe?

Da sang eine liebliche leise Stimme wieder:

Dank will ich für Freundschaft tauschen
Meinem wunderguten Wirte,
Meinem Herrn, für den ich blühe!

Da war der Prinz über die Stimme so entzückt, dass es nicht auszusprechen
ist; aber bald ward seine Freude noch viel grösser, denn er bemerkte, dass
sich jemand auf den Schemel zu seinen Füssen setzte, und da er die Hand
darnach ausstreckte, ergriff eine zarte Hand die seinige und führte sie an
die Lippen eines Mundes, welcher sprach:

"Mein teurer Herr und Prinz! frage nicht, wer ich bin; erlaube mir nur dann
und wann in der Stille der Nacht zu deinen Füssen zu sitzen und dir zu
danken für die treue Pflege, welche du mir in der Myrte bewiesen, denn
ich bin die Bewohnerin dieser Myrte; aber mein Dank für deine Zuneigung
ist so gewachsen, dass er keinen Raum mehr in diesem Baume hatte, und
so hat es mir der Himmel vergönnt, in menschlicher Gestalt dir manchmal
nahe zu sein."

Der Prinz war entzückt über diese Worte und pries sich unendlich glücklich
durch dies Geschenk der Götter. Sie unterhielten sich einige Stunden, und
sie sprach so weise und klug, dass er vor Begierde brannte, sie von
Angesicht zu Angesicht zu sehen. Das Myrtenfräulein aber sagte zu ihm:

"Lass mich erst ein kleines Lied singen, dann kannst du mich sehen",
und sie sang:

Säusle, liebe Myrte!
Wie still ists in der Welt,
Der Mond, der Sternenhirte
Auf klarem Himmelsfeld,
Treibt schon die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei dir bin.

Dazu säuselte die Myrte, und die Wolken trieben so langsam am Himmel
hin, und die Springbrunnen plätscherten so leise im Garten, und der
Gesang war so sanft, dass der Prinz einschlief, und als er kaum nickte,
erhob sich das Myrtenfräulein leise, leise vom Schemel und begab sich
wieder in die Myrte.

Als der Prinz am Morgen erwachte, erblickte er den Schemel leer zu
seinen Füssen, und er wusste nicht, ob das Myrtenfräulein wirklich
bei ihm gewesen war, oder ob er nur geträumt habe; aber da er das
Bäumchen ganz mit Blüten übersät sah, die in der Nacht aufgegangen
waren, ward er der Erscheinung immer gewisser. Nie ward die Nacht
so sehnsüchtig erwartet als von ihm; er setzte sich schon gegen Abend
auf sein Ruhebett und harrte. Endlich war die Sonne hinunter, es
dämmerte, es ward Nacht. Die Myrte säuselte, und das Myrtenfräulein
sass zu seinen Füssen und erzählte ihm so schöne Sachen, dass er
nicht genug zuhören konnte, und als er sie wieder bat, Licht anzünden
zu dürfen, sang sie ihm wieder ein Liedchen:

Säusle, liebe Myrte!
Und träum im Sternenschein,
Die Turteltaube girrte
Auch ihre Brut schon ein.
Still ziehn die Wolkenschafe
Zum Born des Lichtes hin,
Schlaf, mein Freund, o schlafe,
Bis ich wieder bei dir bin.

Da schlummerte der Prinz weider ein und erwachte am Morgen wieder
mit gleicher Überraschung und erwartete die Nacht wieder mit gleicher
Sehnsucht. Aber es ging ihm auch diesmal wie in der ersten und zweiten
Nacht, sie sang ihn immer in den Schlaf, wenn er sie zu sehen verlangte.
Sieben Nächte ging dies so fort, während welchen sie ihm so vortreffliche
Lehren über die Kunst zu regieren gab, dass seine Begierde, sie zu sehen,
nur noch grösser ward.

Er liess daher am andern Tage an die Decke seiner Stube ein seidenes
Netz befestigen, welches er ganz leise niederlassen konnte, und so
erwartete er die Nacht. Als das Myrtenfräulein wieder zu seinen Füssen
sass und ihm die tiefsinnigsten Lehren über die Pflichten eines guten
Fürsten gegeben hatte, wollte sie ihm wieder das Schlaflied singen, aber
er sprach zu ihr:

"Heute will ich einmal singen", und sie gab es nach vielen Bitten zu; da
sang er folgendes Liedchen:

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, lass uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt;
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt!
O! wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Dass an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg, ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.

Und dies Lied wirkte so durch die sanfte Weise, in welcher er es sang, dass
das Myrenfräulein zu den Füssen des Prinzen entschlummerte; da liess er
das Netz nieder über sie und zündete seine Lampe an, und o Himmel! was
sah er? Die wunderschönste Jungfrau, welche jemals gelebt, im Antlitz wie
der klare Mond so mild und rein, Locken wie Gold um die Stirne spielend
und auf dem Haupt ein Myrtenkrönchen; sie hatte ein grünes Gewand an,
mit Silber gestickt, und ihre Hände gefaltet wie ein Engelchen. Lange
betrachtete er seine Freundin und Lehrerin mit stummem Erstaunen, dann
konnte er seine Freude nicht mehr fassen, er brach in lautem Jubel aus
und rief:

"O Tugend! o Weisheit! wie schön ist deine Gestalt; wer kann leben ohne
dich, wenn er dich einmal erblickte."

Dann ergriff er ihre Hand und steckte ihr seinen Siegelring an den Finger
und sprach:

"Erwache, o meine holdselige Freundin! nimm meinen Thron und meine
Hand und verlasse mich nie wieder."

Da erwachte das Myrtenfräulein, und als es das Licht erblickte, errötete
es über und über, und blies die Lampe aus. Dann klagte sie, dass er sie
gefangen habe, und sagte, daraus wird gewiss Unglück kommen; aber der
Prinz bat sie so sehr um Vergebung, bis sie ihm verzieh und versprach,
die Fürstin seines Landes zu werden, wenn ihre Eltern es erlaubten, er
solle nur alle Anstalten zur Hochzeit machen und dann ihre Eltern fragen;
bis dahin sollte er sie aber nicht wiedersehen. Der Prinz willigte in alles
ein und fragte sie, wie er sie rufen solle, wenn er alle Anstalten getroffen
habe, und sie sagte:

"Befestige eine kleine Silberglocke an die Spitze meines Bäumchens,
und sobald du klingelst, werde ich dir erscheinen." Nun zerriss sie das Netz,
der Baum rauschte, und fort war das Myrtenfräulein.

Der Tag war kaum angebrochen, als der Prinz auch schon alle seine
Minister und Räte zusammenberief und ihnen bekannt machte, dass er
sich nächstens zu vermählen gedenke und dass sie alle Anstalten zu dem
prächtigsten Hochzeitsfeste treffen sollten, das jemals im Lande gewesen.
Die Räte waren sehr erfreut darüber und fragten ihn untertänigst um den
Namen der Braut, damit sie ihren Namenszug bei der Illumination anbringen
könnten. Da sagte der Prinz:

"Der erste Buchstab ihres Namens ist M und es sollen beim Feste überall
Myrtenzweige hingemalt werden, wo es sich schickt."

Da wollten die Herren ihn schon verlassen, als plötzlich eine Botschaft kam,
dass ein wildes Schwein in dem fürstlichen Tiergarten toll geworden wäre
und in dem darin befindlichen gläsernen Lusthause alles chinesische
Porzellan zertrümmert habe; es sei äusserst nötig, es sogleich zu erlegen,
damit es nicht andere Schweine beisse und auch toll mache, welche dann
leicht die ganze Stadt Porzellania über den Haufen werfen könnten. Da
durfte der Prinz nicht länger zaudern; er befahl seinen Räten, einstweilen
die Hochzeit zuzubereiten, und zog mit seinen Jägern hinaus auf die Jagd.

Als der Prinz aus dem Schloss ritt, lagen die neun bösen Fräulein, welche
sich nicht mit gefreut hatten, als Myrte so feierlich in die Stadt gebracht
wurde, sehr schön geputzt am Fenster, in der Hoffnung, der Prinz werde
sie bemerken und grüssen; aber vergebens, wenn sie sich gleich so weit
herauslegten, dass sie leicht hätten auf die Strasse fallen können: der
Prinz tat nicht, als wenn er sie bemerkte. Hierüber aufgebracht, kamen sie
zusammen und fassten den Entschluss, sich zu rächen. Die Geschichte mit
dem tollgewordenen wilden Schwein war auch nur von ihnen ausgesprengt,
damit der Prinz, der sich gar nicht mehr sehen liess, über die Strasse reiten
sollte: sie hatten das chinesische Porzellan in dem Lusthaus durch ihre
Diener zerschlagen lassen.

Als sie eben versammelt waren, trat der Vater der Ältesten, der einer der
Minister war, herein, und machte den Damen bekannt, sie möchten sich
zum Hochzeitsfest des Prinzen vorbereiten; der Prinz werde eine Prinzessin
M. heiraten, auch sei von vielen Myrtenverzierungen bei der Illumination
die Rede. Kaum waren sie wieder allein, als sie ihrem ganzen Zorn den
Lauf liessen; denn sie hatten sich alle neun eingebildet, den porzellanenen
Thron zu besteigen.

Sie liessen sich einen Maurer kommen, der musste ihnen einen unterirdischen
Gang bis in die Stube des Prinzen machen; denn sie wollten sehen, wen er
dort versperrt habe. Als der Gang fertig war, beredeten sie noch ein zehntes
Fräulein, der sie jedoch ihr Vorhaben verschwiegen, mitzugehen, welche es
auch tat, doch nur aus Neugier und nicht aus bösem Willen, sie nahmen sie
aber nur mit, um sie dort zurückzulassen, als habe sie alles getan.

Hierauf begaben sie sich in einer Nacht mit Laternen versehen durch den
Gang ind die Stube des Prinzen und suchten alles durch, sehr verwundert,
nichts Besonderes darin zu finden ausser der Myrte. An dieser liessen sie
nun allen ihren Grimm aus, rissen ihr Zweige und Blätter ab, und als sie
auch den Wipfel herunterrissen, klingelte das Glöckchen, und das
Myrtenfräulein, welches glaubte, es sei dies das Zeichen zu ihrer Hochzeit,
trat plötzlich in dem schönsten Brautkleide aus der Myrte.

Anfangs verwunderten sich die bösen Geschöpfe, aber bald waren sie einig,
dieses müsste die künftige Fürstin sein, und somit fielen sie über sie her und
ermordeten sie auf die umbarmherzigste Weise, indem sie das arme
Myrtenfräulein mit ihren Messern in viele kleine Stücke zerhackten; jede nahm
sich einen Finger von dem armen Myrtenfräulein mit; nur das zehnte Fräulein
hatte nicht mitgeholfen und nur immer gejammert und geweint, wofür sie sie
dann einsperrten und nun auf demselben Wege entwichen.

Als der Kammerherr des Prinzen, welchem dieser bei Lebensstrafe befohlen
hatte, die Myrte täglich zu begiessen und täglich die Stube aufzuräumen, als
wenn der Prinz da wäre, zu seiner Verrichtung hereintrat, war sein Entsetzen
unbeschreiblich, da er das zerfleischte Myrtenfräulein in dem Blute an der
Erde herumliegen und den Myrtenbaum zerknickt und entblättert sah. Er
wusste nicht, was dies sein konnte, denn er wusste von dem Myrtenfräulein
nichts; da erzählte ihm das junge Fräulein, welches weindend in einer Ecke
sass, alles. Sie nahmen unter bittern Tränen alle Glieder und Knochen der
Unglücklichen zusammen und begruben sie unter den zerstörten Myrtenbaum
in das Gefäss, so dass alles einen kleinen Grabhügel bildete; sodann
wuschen sie den Boden so rein sie konnten, und begossen den Baum mit
dem blutvermischten Wasser, räumten die Stube auf, schlossen sie zu, und
flohen in grosser Angst miteinander; doch nahm das Fräulein eine Locke
der unglücklichen Gemordeten zum Andenken mit.

Unterdessen waren die Vorbereitungen zu der Hochzeit beinahe fertig, und
der Prinz, der das wilde Schwein vergebens aufgesucht hatte, kehrte nach
der Stadt zurück. Sein erster Gang war zu dem guten Töpfer und seiner
Frau, welchen er seine Geschichte mit dem Myrtenfräulein erzählte und
sie um die Hand ihrer Tochter bat. Die guten Leute waren vor Entzücken
fast ausser sich, als sie vernahmen, dass in ihrem Myrtenbaum ihnen eine
Tochter erwachsen sei, und wussten nun, warum sie denselben so ungemein
liebgehabt hatten. Freudig willigten sie in die Bitte des Prinzen ein und
begleiteten ihn in das Schloss, um ihre wunderbare Tochter zu sehen. Als
sie nun zusammen in das Zimmer traten, wo die Myrte stand, sahen ihre
Augen ein trauriges Schauspiel: - am Boden noch viele blutige Spuren,
und der geliebte Baum entblättert und verletzt, neben ihm aber ein
Grabhügel. Der Prinz rief, der Töpfer rief, die Töpferin rief:

"O meine geliebte Braut! o mein teures Kind! mein einziges liebes
Töchterchen! o wo bist du, lass dich sehen vor deinen unglücklichen
Eltern!"

Aber nichts rührte sich, und ihre Verzweiflung war unbegrenzt. Die drei
armen Unglücklichen sassen nun ganze Tage und begossen den
Myrtenbaum mit ihren Tränen, und das ganze Land ward bestürzt und
traurig.

Unter solchen Schmerzen pflegten und warteten der Prinz und der
Töpfer nebst seiner Frau den kranken Myrtenbaum aufs zärtlichste,
und er begann wieder Zweige zu treiben, worüber sie sehr erfreut
wurden, und er war schon weider ganz hergestellt, nur fehlten ihm
an den Wipfel einige Blätter und an einem seiner beiden Hauptäste
die äussersten fünf Sprossen und an dem andern vier, neben welchen
der fünfte zu keimen anfing. Diesen fünften Spross beobachtete der Prinz
alle Tage, und wie entzückt war er nicht, als er eines Morgens diesen
Spross ganz erwachsen und den Ring, den er dem Myrtenfräulein
gegeben, an demselben wie an einem Finger befestigt sah. Sein
Entzücken war unbeschreiblich; denn er glaubt nun, das Myrtenfräulein
müsse noch leben. In der nächsten Nacht sass er mit dem Töpfer und
der Töpferin bei dem Baum, und sie flehten die Myrte so zärtlich um
ein Lebenszeichen an, dass der Baum endlich zu säuseln begann und
folgende Worte sang:

Habt Erbarmen,
An zwei Armen
Fehlen mir neun Fingerlein.
Lieber Prinz! in deinem Reiche
Wachsen jetzt neun Myrtenzweige,
Und sie sind mein Fleisch und Bein.
Habt Erbarmen,
Schafft mir Armen
Wieder die neun Fingerlein.

Der Prinz und die Eltern waren durch dies traurige Lied sehr gerührt,
und der Prinz liess den andern Tag im ganzen Lande bekanntmachen,
wer ihm die schönsten Myrtenzweige bringe, den wolle er mit seiner
königlichen Hand belohnen. Dieses kam auch zu den Ohren der
Mordfräulein, welche die arme Myrte so schrecklich gemartert hatten,
und sie waren sehr froh darüber: denn sie hatten die neun Finger des
Myrtenfräuleins, jede den ihren, in einen Topf mit Erde vergraben, und
es waren kleine Myrtensprosse daraus gewachsen. Sie putzten sich
gleich schön an und kamen eine nach der andern mit ihren Myrtenzweigen
ins Schloss; denn sie glaubten, die Worte des Prinzen wollten soviel sagen,
als wolle er die Überbringerin der schönsten Myrte heiraten. Der Prinz
liess ihnen die Myrtenzweige abnehmen und versprach ihnen seiner Zeit
Antwort sagen zu lassen; sie möchten sich nur zum Feste vorbereiten. Als
er nun alle die neun Zweige neben den grossen Baum gestellt hatte, sprach
die Stimme aus dem Baum:

Willkomm, willkomm nun Zweigelein!
Willkomm, willkomm, neun Fingerlein!
Willkomm, willkomm, mein Fleisch und Bein!
Willkomm, willkomm, zum Topf herein!

Da begrub der Prinz die neun Zweige und die neun Finger unter die
Myrte, welche noch denselben Tag die neun fehlenden Sprossen trieb.
Nun aber kam noch das jüngste Fräulein, welches nur die Haarlocke
genommen und ihr den Ringfinger gelassen hatte, und warf sich dem
Prinzen zu Füssen und sagte:

"Herr! ich habe keine Myrte und habe auch keine haben wollen; aber
diese Locke gebe ich in deine Hand und bitte dich um eine Gnade."

Der Prinz versprach sie ihr, und sie erzählte ihm, wie die ganze Mordtat
geschehen sei, und bat ihn, er möge seinem entfohenen Kammerherrn
verzeihen und sie mit demselben vermählen. Da gab ihr der Prinz einen
Gnadenbrief für denselben, und sie lief zu ihm in den Wald, wo er sich
in einen hohlen Baum versteckt hatte, in den sie ihm täglich zu essen
gebracht. Der Kammerherr erfreute sich sehr über sein Glück und kam mit
ihr wieder in die Stadt. Als aber der Prinz die Haarlocke auch vergraben
hatte, sprach die Myrte:

Nun bin ich ganz
Im alten Glanz,
Bring mir den Kranz
Und führe mich zum Hochzeitstanz.

Da liess der Prinz ein grosses Fest vor allem Volke im Schlossgarten
ansagen; da alles versammelt war, ward die Myrte unter einen Thronhimmel
gestellt, und der schönste Blumenkranz, mit Gold durchwunden, ward ihr
von dem Töpfer und der Töpferin aufgesetzt, und als dies kaum geschehen
war, trat das Myrtenfräulein, wie die schönste Braut geschmückt, aus dem
Baum hervor und ward von ihren Eltern, welche sie noch nie gesehen hatten,
unter Freudentränen und dann von dem glücklichen Prinzen als seine Braut
herzlich umarmt.

Da standen die neun Mordfräulein wie auf heissen Kohlen; der Prinz aber
sprach:

"Was verdient der, welcher diesem Myrtenfräulein etwas zu Leide tut?"

Und einer sagte da nach dem andern irgend eine harte Strafe her, und
als die Frage an die neun Fräulein kam, sagten sie alle zusammen:

"Dass ihn die Erde verschlinge und seine Hand aus der Erde wachse";

und kaum hatten sie es gesagt, als die Erde sie auch verschlang und
über ihnen Fünffingerkraut hervorwuchs. Nun wurde die Hochzeit gehalten,
und der Kammerherr hielt mit dem jüngsten Fräulein auch Hochzeit.

Es schenkte dem Prinzen der Himmel auch bald ein kleines Myrtenprinzchen,
das ward in der schönen Wiege des alten Töpfers gewiegt, und das ganze
Land war froh und glücklich.

Der Myrtenbaum aber ward bald so stark und gross, dass man ihn ins
Freie setzen musste. Da begehrte die Prinzessin Myrte, dass er neben
die ehemalige Hütte ihrer Eltern gesetzt werde, das geschah auch, und
die Hütte ward zu einem schönen Landhaus verändert, und endlich ward
aus dem Myrtenbaum ein Myrtenwald, und die Enkel des Töpfers und
seiner Frau spielten darin, und die beiden guten Leute wurden dort,
wie sie es gewünscht hatten, unter dem Myrtenbaum begraben.

Der Prinz und das Myrtenfräulein ruhen wohl auch schon dort, wenn sie
nicht mehr leben sollten, woran ich fast zweifle, denn es ist schon sehr
lange her.

- Clemens Brentano 1778-1842, deutscher Schriftsteller -







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