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Lucie Gelmeroth



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zitat

Der Schlüssel der Geschichte
ist nicht in der Geschichte;
er ist im Menschen.

- Théodore Jouffroy -

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Eine wunderschöne Liebesgeschichte gibt es hier zu lesen. Geschrieben wurde sie von dem deutschen Lyriker und Erzähler Eduard Mörike.

Lucie Gelmeroth

Ich wollte - so erzählt ein deutscher Gelehrter in seinen noch ungedruckten
Denkwürdigkeiten - als Göttinger Student auf einer Ferienreise auch meine
Geburtsstadt einmal wieder besuchen, die ich seit lange nicht gesehen hatte.
Mein verstorbener Vater war Arzt daselbst gewesen. Tausend Erinnerungen,
und immer gedrängter, je näher ich der Stadt nun kam, belebten sich vor
meiner Seele. Die Postkutsche rollte endlich durchs Tor, mein Herz schlug
heftiger, und mit taumligem Blick sah ich Häuser, Plätze und Alleen an mir
vorübergleiten. Wir fuhren um die Mittagszeit beim Gasthofe an, ich speiste
an der öffentlichen Tafel, wo mich, so wie zu hoffen war, kein Mensch
erkannte.

Über dem Essen kamen nur Dinge zur Sprache, die mir ganz gleichgültig
waren, und ich teilte daher in der Stille die Stunden des übrigen Tages
für mich ein. Ich wollte nach Tische die nötigsten Besuche schnell abtun,
dann aber möglichst unbeschrien und einsam die alten Pfade der Kindheit
beschleichen.

Die Gesellschaft war schon im Begriff auseinander zu gehen, als ihre
Unterhaltung noch einige Augenblicke bei einer Stadtbegebenheit verweilte,
die das Publikum sehr zu beschäftigen schien und alsbald auch meine
Aufmerksamkeit im höchsten Grad erregte. Ich hörte einen mir aus alter
Zeit gar wohlbekannten Namen nennen; allein es war von einer Missetäterin
die Rede, von einem Mädchen, das eines furchtbaren Verbrechens geständig
sein sollte; unmöglich konnte es eine und dieselbe Person mit derjenigen sein,
die mir im Sinne lag. Und doch, es hiess ja immer: Lucie Gelmeroth und wieder:
Lucie Gelmeroth; es wurde zuletzt ein Umstand berührt, der mir keinen Zweifel
mehr übrig liess; der Bissen stockte mir im Munde, ich sass wie gelähmt.

Dies Mädchen war die jüngere Tochter eines vordem sehr wohlhabenden
Kaufmanns. Als Nachbarskinder spielten wir zusammen, und ihr liebliches
Bild hat, in so vielen Jahren, niemals bei mir verwischt werden können. Das
Geschäft ihres Vaters geriet, nachdem ich lange die Heimat verlassen, in
tiefen Zerfall, bald starben die Eltern. Vom Schicksal ihrer Hinterbliebenen
hatte ich die ganze Zeit kaum mehr etwas gehört; ich hätte aber wohl, auch
ohne auf eine so traurige Art, wie eben geschah, an die Familie erinnert zu
werden, in keinem Falle versäumt, sie aufzusuchen. Ich ward, was des
Mädchens Vergehen betrifft, aus dem Gespräch der Herren nicht klug, die sich
nun überdies entfernten; da ich jedoch den Prediger S., einen Bekannten
meines väterlichen Hauses, als Beichtiger der Inquisitin hatte nennen hören,
so sollte ein Besuch bei ihm mein erster Ausgang sein, das Nähere der Sache
zu vernehmen.

Herr S. empfing mich mit herzlicher Freude, und sobald es nur schicklich war,
bracht' ich mein Anliegen vor. Er zuckte die Achsel, seine freundliche Miene
trübte sich plötzlich.

"Das ist", sagte er, "eine böse Geschichte und noch bis jetzt für jedermann
ein Rätsel. Soviel ich selber davon weiss, erzähl' ich Ihnen gerne."

Was er mir sofort sagte, gebe ich hier, berichtigt und ergänzt durch anderweitige
Eröffnungen, die mir erst in der Folge aus unmittelbarer Quelle geworden.

Die zwei verwaisten Töchter des alten Gelmeroth fanden ihr gemeinschaftliches
Brot durch feine weibliche Handarbeit. Die jüngere, Lucie, hing an ihrer nur um
wenig ältern Schwester Anna mit der zärtlichsten Liebe, und sie verlebten, in
dem Hinterhause der vormaligen Wohnung ihrer Eltern, einen Tag wie den
andern zufrieden und stille. Zu diesem Winkel des genügsamsten Glücks
hatte Richard Lüneborg, ein junger subalterner Offizier von gutem Rufe, den
Weg aufgefunden. Seine Neigung für Anna sprach sich aufs redlichste aus und
verliess eine sichere Versorgung. Seine regelmässigen Besuche erheiterten das
Leben der Mädchen, ohne dass es darum aus der gewohnten und beliebten
Enge nur im mindesten herauszugehen brauchte. Offen vor jedermann lag das
Verhältnis da, kein Mensch hatte mit Grund etwas dagegen einzuwenden. Das
lustige Wesen Luciens stimmte neben der ruhigen Aussenseite der gleichwohl
innig liebenden Braut sehr gut mit Richards munterer Treuherzigkeit, und sie
machten ein solches Kleeblatt zusammen, dass ein Fremder vielleicht hätte
zweifeln mögen, welches von beiden Mädchen er denn eigentlich dem jungen
Mann zuteilen solle. Hatte beim traulichen Abendgespräch die ältere seine Hand
in in der ihrigen ruhen, so durfte Lucie von der andern Seite sich auf seine
brüderliche Schulter lehnen; kein Spaziergang wurde einseitig gemacht, nichts
ohne Luciens Rat von Richard gutgeheissen. Dies konnte der Natur der Sache
nach in die Länge so harmlos nicht bleiben. Anna fing an, in ihrer Schwester
eine Nebenbuhlerin zu fürchten, zwar zuverlässig ohne Ursache, doch dergestalt,
dass es den andern nicht entging. Ein Wink reichte hin, um beider Betragen zur
Zufriedenheit der Braut zu mässigen, und alles war ohne ein Wort ausgeglichen.

Um diese Zeit traf den Leutnant der unvermutete Befehl seiner Versetzung vom
hiesigen Orte. Wie schwer sie auch allen aufs Herz fiel, so konnte man sich
doch, insofern ein lange ersehntes Avancement und hiermit die Möglichkeit
einer Heirat als die nächste Folge vorauszusehen war, so etwas immerhin
gefallen lassen. Die Entfernung war beträchtlich, desto kürzer sollte die
Trennung sein. Sie war's doch schlug sie leider nicht zum Glück des Paares
aus. - Dass Richard die erwartete Beförderung nicht erhielt, wäre das wenigste
gewesen, allein er brachte sich selbst, er brachte das erste gute Herz - wenn
er es je besass - nicht mehr zurück.

Es wird behauptet, Anna habe seit einiger Zeit abgenommen, aber nicht, dass
irgend jemand sie weniger liebenswürdig gefunden hätte. Ihr Verlobter tat immer
kostbarer mit seinen Besuchen, er zeigte sich gegen die Braut nicht selten rauh
und schnöde, wozu er die Anlässe weit genug suchte. Die ganze Niedrigkeit
seines Charakters bewies er endlich durch die Art, wie er die schwache Seite
Annas, Neigung zur Eifersucht, benützte. Denn der Schwester, die ihn mit
offenbarem Abscheu ansah, tat er nun schön auf alle Weise, als wollte er durch
dies fühllose Spiel die andere an den Gedanken gewöhnen, dass er ihr weder
treu sein wolle noch könne; er legte es recht darauf an, dass man ihn übersatt
bekommen und, je eher, je lieber, fortschicken möge. Die Mädchen machten
ihm den Abschied leicht. Lucie schrieb ihm im Namen ihrer Schwester. Diese
hatte zuletzt unsäglich gelitten. Nun war ein unhaltbares Band auf einmal
losgetrennt von ihrem Herzen, sie fühlte sich erleichtert und schien heiter; allein
sie glich dem Kranken, der nach einer gründlichen Kur seine Erschöpfung nicht
merken lassen will und uns nur durch den freundlichen Schein der Genesung
betrügt. Nicht ganz acht Monate mehr, so war sie eine Leiche. Man denke sich
Luciens Schmerz! Das Liebste auf der Welt, ihre nächste und einzige Stütze, ja
alles ist ihr mit Anna gestorben. Was aber diesem Gram einen unversönlichen
Stachel verlieh, das war der unmächtige Hass gegen den ungestraften Treulosen,
war der Gedanke an das grausame Schicksal, welchem die Gute vor der Zeit
hatte unterliegen müssen.

Vier Wochen waren so vergangen, als eines Tages die schreckliche Nachricht
erscholl, man habe den Leutnant Richard Lüneborg in einem einsam gelegenen
Garten unweit der Stadt erstochen gefunden. Die meisten sahen die Tat sogleich
als Folge eines Zweikampfs an, doch waren die Umstände zweifelhaft, und man
vermutete bald dies, bald das. Ein Zufall führte die Gerichte gleich anfangs auf
einen falschen Verdacht, von dem man nicht sobald zurücke kam. Vom wahren
Täter hatte man in monatelanger Untersuchung auch noch die leiseste Spur
nicht erhalten. Allein wie erschrak, wie erstaunte die Welt, als - Lucie Gelmeroth,
das unbescholtenste Mädchen, sich plötzlich vor den Richter stellte mit der
freiwilligen Erklärung, sie habe den Leutnant getötet, den Mörder ihrer armen
Schwester, sie wolle gerne sterben, sie verlange keine Gnade. - Sie sprach
mit einer Festigkeit, welche Bewunderung erregte, mit einer feierlichen Ruhe,
die etlichen verdächtig vorkommen wollte und gegen des Mädchens eigne
schauderhafte Aussage zu streiten schien, wie denn die Sache überhaupt fast
ganz unglaublich war. Umsonst drang man bei ihr auf eine genaue Angabe der
sämtlichen Umstände, sie blieb bei ihrem ersten einfachen Bekenntnisse. Mit
hinreissender Wahrheit schilderte sie die Tugend Annas, ihre Leiden, ihren Tod,
sie schilderte die Tücke des Verlobten, und keiner der Anwesenden erwehrte
sich der tiefsten Rührung.

"Nicht wahr?" rief sie, "von solchen Dingen weiss euer Gesetzbuch nichts?
Mit Strassenräubern habt ihr, mit Mördern und Dieben allein es zu tun!
Der Bettler, der für Hungersterben sich an dem Eigentum des reichen Nachbars
vergreift - o freilich ja, der ist euch verfallen; doch wenn ein Bösewicht in seinem
Übermut ein edles, himmlisches Gemüt, nach dem er es durch jeden Schwur
an sich gefesselt, am Ende hintergeht, mit kaltem Blut misshandelt und
schmachvoll in den Boden tritt, das geht euch wenig, geht euch gar nichts an.
Wohl denn! wenn niemand deine Seufzer hörte, du meine arme, arme Anna,
so habe doch ich sie vernommen. An deinem Bett stand ich und nahm den
letzten Hauch von der verwelkten Lippe; du kennst mein Herz, dir ist vielleicht
schon offenbar, was ich vor Menschen auf ewig verschweige, - du kannst,
du wirst der Hand nicht fluchen, die sich verleiten liess, deine beleidigte Seele
durch Blut versöhnen zu wollen. Aber leben darf ich nicht bleiben, das fühl'
ich wohl, das ist sehr billig, und" - dabei wandte sie sich mit flehender Gebärde
aufs neue an die Richter - "und ist Barmherzigkeit bei euch, so darf ich hoffen,
man werde mein Urteil nicht lange verzögern, man werde mich um nichts
weiter befragen."

Der Inquirent wusste nicht, was er hier denken sollte. Es war der seltsamste Fall,
der ihm je vorgekommen war. Doch blickte schon so viel aus allem hervor, dass
das Mädchen, wenn sie auch selbst nicht ohne alle Schuld sein könne, doch
den ungleich wichtigern Anteil von Mitschuldigen ängstlich unterdrücke.
Übrigens hiess es bald unter dem Volk, sie habe mit dem Leutnant öfters
heimliche Zusammenkünfte am dritten Orte gepflogen, sie habe ihm Liebe und
Wollust geheuchelt und ihn nach jenem Garten arglistig in den Tod gelockt.

Inzwischen sperrte man das sonderbare Mädchen ein und hoffte ihr auf diesem
Weg in Bälde ein umfassendes Bekenntnis abzunötigen. Man irrte sehr; sie
hüllte sich in hartnäckiges Schweigen, und weder List noch Bitten noch Drohung
vermochten etwas. Da man bemerkte, wie ganz und einzig ihre Seele von dem
Verlangen zu sterben erfüllt sei, so wollte man ihr hauptsächlich durch die
wiederholte Vorstellung beikommen, dass sie auf diese Weise ihren Prozess
niemals beendigt sehen würde, allein man konnte sie dadurch zwar ängstigen
und völlig ausser sich bringen, doch ohne das Geringste weiter von ihr zu
erhalten.

Noch sagte mir Herr S., dass ein gewisser Hauptmann Ostenegg, ein Bekannter
des Leutnants, sich unmittelbar auf Luciens Einsetzung entfernt und durch
verschiedenes verdächtig gemacht haben solle; es sei sogleich nach ihm
gefahndet worden, und gestern habe man ihn eingebracht. Es müsse sich
bald zeigen, ob dies zu irgend etwas führe.

Als ich am Ende unseres Gespräches den Wunsch blicken liess, die Gefangene
selber zu sprechen, indem der Anblick eines alten Freundes gewiss wohltätig
auf sie wirken, wohl gar ein Geständnis beschleunigen könnte, schien zwar der
Prediger an seinem Teile ganz geneigt, bezweifelte aber, ob er imstande sein
werde, mir bei der weltlichen Behörde die Erlaubnis auszuwirken, ich sollte
deshalb am folgenden Morgen zum Frühstück bei ihm vorsprechen und die
Antwort einholen.

Den übrigen Abend zersplitterte ich wider Willen da und dort in Gesellschaft.
Unruhig, wie ich war, und immer in Gedanken an die Unglückliche, welche zu
sehn, zu beraten, zu trösten ich kaum erwaten konnte, sucht' ich beizeiten die
Stille meines Nachtquartiers, wo ich doch lange weder Schlaf noch Ruhe finden
konnte. Ich überliess mich mancherlei Erinnerungen aus meiner und Luciens
Kindheit, und es ist billig, dass der Leser, eh' er die Auflösung der wunderbaren
Geschichte erfährt, die Ungeduld dieser Nacht ein wenig mit mir teile, indem ich
ihm eine von diesen kleinen Geschichten erzähle.


In meinem väterlichen Hause lebte man auf gutem und reichlichem Fusse. Wir
Kinder genossen einer vielleicht nur allzu liberalen Erziehung, und es gab keine
Freude, kein fröhliches Fest, woran wir nicht teilnehmen durften. Besonders
lebhaft tauchte jetzt wieder eine glänzende Festivität vor mir auf, welche zu
Ehren der Herzogin von *** veranstaltet wurde. Sie hatte eine Vorliebe für unsere
Stadt, und da sie eine grosse Kinderfreundin war, so war in diesem Sinne ihr
jährlicher kurzer Aufenthalt immer durch neue Wohltaten und Stiftungen gesegnet.
Diesmal feierte sie ihr Geburtstagsfest in unsern Mauern. Ein Aufzug schön
geputzter Knaben und Mädchen bewegte sich des morgens nach dem Schlosse,
wo die Huldigung durch Gesänge und eingelernte Glückwünsche nichts
Ausserordentliches darbot. Am Abend aber sollte durch eine Anzahl von Kindern,
worunter Lucie und ich, vor ihrer Königlichen Hoheit ein Schauspiel aufgeführt
werden, und zwar auf einem kleinen natürlichen Theater, das, zu den Hofgärten
gehörig, in einer düstern Allee, dem sogenannten Salon, gelegen, nach allen
seinen Teilen, Kulissen, Seitengemächern und dergleichen, aus grünem
Buschwerk und Rasen bestand und, obschon sorgfältig unterhalten, seit Jahren
nicht mehr gebraucht worden war. Wir hatten unter der Leitung eines erfahrenen
Mannes verschiedene Proben gehalten, und endlich schien zu einer anständigen
Aufführung nichts mehr zu fehlen. Mein Vater hatte mir einen vollständigen
türkischen Anzug machen lassen, meiner Rolle gemäss, welche überdies einen
berittenen Mann verlangte, was durch die Gunst des königlichen Stallmeisters
erreicht wurde, der eines der artigen, gutgeschulten Zwergpferdchen abgab.
Da sämtliche Mitspieldende zur festgesetzten Abendstunde schon in vollem
Kostüm und, nur etwa durch einen Überwurf gegen die Neugier und
Zudringlichkeit der Gassenjugend geschützt, jedes einzeln von seinem Hause
aus nach dem Salon gebracht wurden, so war es meiner Eitelkeit doch nicht
zuwider, dass, als der Knecht den mir bestimmten kleinen Rappen in der
Dämmerung vorführte, ein Haufe junger Pflastertreter mich aufsitzen und unter
meinem langen Mantel den schönen krummen Säbel, den blauen Atlas der
Pumphosen, die gelben Stiefelchen und silbernen Sporen hervorschimmern
sah. Bald aber hatte ich sie hinter mir und wäre sehr gern auch den Reitknecht
los gewesen, der seine Hand nicht von dem Zügel liess und unter allerlei
Spässen und Sprüngen durch die Stadt mit mir trabte.

Der Himmel war etwas bedeckt, die Luft sehr still und lau. Als aber nun der
fürstliche Duft der Orangerie auf mich zugeweht kam und mir bereits die
hundertfältigen Lichter aus den Kastanienschatten entgegenflimmerten,
wie schwoll mir die Brust von bänglich stolzer Erwartung! Ich fand die grüne
offene Szene, Orchester und Parterre aufs niedlichste beleuchtet, das junge
Personal bereits beisammen; verwirrt und geblendet trat ich herzu. Indes
die hohen Herrschaften noch in einem nahen Pavillon bei Tafel säumten,
liess auch die kleine Truppe sich es hier an seitwärts in der Garderobe
angebrachten, lecker besetzten Tischen herrlich schmecken sofern nicht
etwa diesem oder jenem eine selige Ungeduld den Appetit benahm. Die
Lustigsten unter den Mädchen vertrieben sich die Zeit mit Tanzen auf dem
glattgemähten, saubern Grasschauplatz. Lucie kam mir mit glänzenden
Augen entgegen und rief: "Ist's einem hier nicht wie im Traum? Ich wollte,
das Stück ginge heut gar nicht los, und wir dürften nur immer passen und
spassen; mir wird kurios zumut, sobald mir einfällt, dass es Ernst werden soll."
Wir hörten einander noch einige Hauptpartien unserer Rollen ab. Sie kam
nämlich als Christensklavin mit meiner sultanischen Grossmut in vielfache
Berührung und sollte zuletzt durch ihre Tugend, ihren hohen Glauben, welcher
selbst dem Heiden Teilnahme und Bewunderung abzwang, der rettende
Schutzengel einer braven Familie werden.

Wir waren mitten im Probieren, da erschien ein Lakai: die Gesellschaft habe
sich fertig zu halten, man werde sogleich kommen. Geschwind sprang alles
hinter die Kulissen, die lachenden Gesichter verwandelten sich, die Musik
fing an, und das vornehme Auditorium nahm seine Plätze. Mit dem letzten
Posaunenton trat, ohne dass erst ein Vorhang aufzuziehen war, jene Sklavin
heraus. Die zarten Arme mit Ketten belastet, erhob sie ihre rührende Klage.
Auftritt um Auftritt folgte sofort ohne Anstoss rasch aufeinander, bis gegen
das Ende des ersten Akts. Ich glaubte schon ein lobreiches Flüstern sich durch
die Reihen verbreiten zu hören; doch leider galten diese Rumore ganz etwas
anderm. Ein regnerischer Wind hatte sich erhoben der in wenigen Minuten
so stark wurde, dass die Lampen gleich zu Dutzenden erloschen und die
Zuschauer laut redend und lachend aufbrachen, um eilig unter Dach zu kommen,
bevor die Tropfen dichter fielen. Ein grauer Emir im Schauspiel deklamierte,
ganz blind vor Eifer, noch eine Weile in den Sturm hinein, indes wir andern,
wie vor die Köpfe geschlagen, bald da-, bald dorthin rannten. Einige lachten,
andere weinten; unzählige Stimmen, mit Rufen und Fragen durcheinander,
verhallten unverstanden im heftigsten Wind.
Ein Hofdiener kam herbeigesprungen und lud uns hinüber in den festlich
erleuchteten Saal. Weil aber diese angenehme Botschaft nicht alsbald überall
vernommen wurde und gleichzeitig verschiedene erwachsene Personen uns
immer zuschrien: "Nach Hause, Kinder! macht, dass ihr fortkommt!" - so legt
ich schon die Hand an meinen kleinen Rappen, und nur ein Blick auf Lucien,
die nah bei mir in einer Ecke ein flackerndes Lämpchen mit vorgeschützten
Händen hielt, machte mich zaudern.

"Frisch aufgesessen, Junker!" rief ein riesenhafter, schwarzbärtiger Gardist,
warf mich mutwillig in den Sattel, fasste dann Lucien trotz ihres Sträubens und
Schreiens und schwang sie hinter mich. Das Mädchen sass kaum oben, mit
beiden Armen mich umklammernd, so rannte das Tier, der doppelten Last
ungewohnt, mit Blitzesschnelligkeit davon, dem nächsten offenen Baumgang zu,
und so Kreuz und Quer wie ein Pfeil durch die feuchte Nacht der mannigfaltigen
Alleen. An ein Aufhalten, an ein Umkehren war gar nicht zu denken. Zum Glück
blieb ich im Bügel fest und wankte nicht, nur dass mir Luciens Umarmung fast
die Brust eindrückte. Von Natur mutig und resolut, ergab sie sich bald in ihre
verzweifelte Lage, ja mitten im Jammer kam ihr die Sache komisch vor, wenn
anders nicht ihr lautes Lachen krampfhaft war.

Der Regen hatte nachgelassen, es wurde etwas heller; aber das Tote,
Geisterhafte dieser Einsamkeit in einem Labyrinth von ungeheuren, regelmässig
schnell aufeinanderfolgenden Bäumen, der Gedanke, dass man, dem tollen Mute
dieser Bestie unwiderstehlich preisgegeben, mit jedem Augenblicke weiter von
Stadt und Menschen fortgerissen werde, war schrecklich über alle Vorstellung.

Auf einmal zeigte sich von fern ein Licht - es war, wie ich richtig mutmasste, in
der Hofmeierei - wir kamen ihm näher und riefen um Hilfe, was nur aus unsern
Kehlen wollte - da prallte das Pferd vor der weissen Gestalt eines kleinen
Obelisken zurück und schlug einen Seitenweg ein, wo es aber sehr bald bei
einer Planke ohnmächtig auf die Vorderfüsse niederstürzte und zugleich uns
beide nicht unglücklich abwarf.

Nun zwar für unsere Person gerettet, befanden wir uns schon in einer neuen
grossen Not. Das Pferd lag wie am Tode keuchend und war mit allen guten
Worten nicht zum Aufstehn zu bewegen; es schien an dem, dass es vor unsern
Augen hier verenden würde. Ich gebärdete mich wie unsinnig darüber; meine
Freundin jedoch, gescheiter als ich, verwies mir ein so kindischen Betragen,
ergriff den zaum, schlang ihn um die Planke und zog mich mit sich fort, jenem
tröstlichen Lichtschein entgegen, um jemand herzuholen. Bald hatten wir die
Meierei erreicht. Die Leute, soeben beim Essen versammelt, schauten natürlich
gross auf, als das Pärchen in seiner fremdartgen Tracht ausser Atem zur Stube
hereintrat. Wir trugen unser Unglück vor, und derweil nun der Mann sich
gemächlich anzog, standen wir Weibern und Kindern zur Schau, die uns durch
übermässiges Lamentieren über den Zustand unserer kostbaren Kleidung das
Herz nur immer schwerer machten. Jetzt endlich wurde die Laterne angezündet,
ein Knecht trug sie, und so ging man zu Vieren nach dem unglücklichen Platz,
wo wir das arme Tier noch in derselben Stellungn fanden. Doch auf den ersten
Ruck und Streich von einer Männerhand sprang es behend auf seine Füsse,
und der Meier in seinem mürrischen ton versicherte sofort, der dummen Kröte
fehle auch kein Haar. Ich hätte in der Freude meines Herzens gleich vor dem
Menschen auf die Knie fallen mögen: statt dessen fiel mir Lucien um den Hals,
mehr ausgelassen als gerührt und zärtlich allerdings, doch wohler hatte mir
im Leben nichts Ähnliches getan.

Nach einer Viertelstunde kamen wir unter Begleitung des Mannes nach Hause.
Die Eltern, welche beiderseits in der tödlichsten Angst nach uns ausgeschickt
hatten, dankten nur Gott, dass wir mit unzerbrochenen Gliedern davongekommen
waren.

Am andern Tag verliess die Herzogin die Stadt. Wir spielten bald nachher in
meinem Hause unser Stück vor Freunden und Bekannten zu allerseitiger
Zufriedenheit. Aber auch an diese zweite Aufführung hing sich ein bedenklicher
Zufall. Beim Aufräumen meiner Garderobe nämlich vermisste meine Mutter eine
schöne Agraffe, die sie mir an den Turban befestigt hatte. Es schien, der
Schmuck sei absichtlich herabgetrennt worden. Vergeblich war alles
Nachforschen und Suchen; zuletzt wollte eine Gespielin den Raum bei Luciens
kleinem Kram gesehen haben. Ich weiss nicht mehr genau, wie meine Mutter
sich davon zu überzeugen suchte, nur kann ich mich erinnern, sehr wohl
bemerkt zu haben, dass sie in einer ängstlichen Beratung mit einer Hausfreundin,
wovon mir im Vorübergehen etwas zu Ohren kam, den Fehltritt des Kindes als
ausgemacht annahm. Ich selbst war von dem Falle höchst sonderbar ergriffen.
Ich vermied meine Freundin und begrüsste sie kaum, als sie in diesen Tagen
wie gewöhnlich zu meiner Schwester kam. Merkwürdig, obwohl in Absicht auf
das undurchdringliche Gewebe verkehrter Leidenschaft und feiner Sinnlichkeit,
wie sie bereits in Kinderherzen wirkt, zu meiner Beschämung merkwürdig, ist
mir noch heute der reizende Widerstreit, welchen der Anblick der schönen
Diebin in meinem Innern rege machte. Denn wie ich mich zwar vor ihr scheute
und nicht mit ihr zu reden, viel weniger sie zu berühren wagte, so war ich
gleichwohl mehr als jemals von ihr angezogen, sie war mir durch den neuen,
unheimlichen Charakterzug interessanter geworden, und wenn ich sie so von
der Seite verstohlen ansah, kam sie mir unglaublich schön und zauberhaft
vor.

Die Sache klärte sich aber zum Glück auf eine unerwartete Art noch zeitig
genug von selbst auf, wovon ich nur sage, dass Luciens Unschuld vollkommen
gerechtfertigt wurde. Bestürzt, beschämt durch diese plötzliche Enttäuschung,
sah ich den unnatürlichen Firnis, den meine Einbildung so verführerisch über
die scheinbare Sünderin zog, doch keineswegs ungern verschwinden, in dem
sich eine lieblichere Glorie um sie zu verbreiten anfing.

Diese und ähnliche Szenen rief ich mir in jener unruhigen Nacht zurück und
hatte mehr als eine bedeutsame vergleichende Betrachtung dabei anzustellen.

Am Morgen eilte ich beizeit' zum Geistlichen, der mir mit der Nachricht
entgegenkam, dass mein Besuch bei der Gefangenen keinen Anstand habe;
er war über die Unbedenklichkeit verwundert, womit man die Bitte gewährte. -
Wir säumten nicht, uns auf den Weg zu machen.

Mit Beklommenheit sah ich den Wärter die Türe zu Luciens einsamer Zelle
aufschliessen. Wir fanden sie vor einem Buche sitzen. Ich hätte sie freilich nicht
wieder erkannt, so wenig, als sie mich. Sie sah sehr blass und leidend aus; ihre
angenehmen Züge belebten sich mit einem flüchtigen Rot in sichtbar freudiger
Überraschung, als ich ihr vorgestellt wurde. Allein sie sprach wenig, sehr
behutsam und nur im allgemeinen über ihre Lage, indem sie davon Anlass
nahm, auf ihre christliche Lektüre überzugehen, von welcher sie viel Gutes
rühmte.

Der Prediger fühlte eine Spannung und entfernte sich bald. Wirklich wurde nun
Lucie nach und nach freier, ich selber wurde wärmer, ihr Herz fing an, sich mir
entgegen zu neigen. In einer Pause des Gesprächs, nachdem sie kurz zuvor
dem eigentlichen Fragepunkt sehr nah gekommen war, sah sie mir freundlich,
gleichsam lauschend, in die Augen, ergriff meine Hand und sagte:

"Ich brauche den Rat eines Freundes; Gott hat Sie mir gesandt; Sie sollen
alles wissen! Was Sie dann sagen oder tun, will ich für gut annehmen."

Wir setzten uns, und mit bewegter Stimme erzählte sie, was ich dem Leser nur
im kürzesten Umriss und ohne eine Spur der schönen lebendigen Fülle ihrer
eigenen Darstellung mitteilen kann.

Noch war Anna erst einige Wochen begraben, so erhielt Lucie eines Abends in
der Dämmerung den unerwarteten Besuch eines früheren Jugendfreundes,
Paul Wilkens, eines jungen Kaufmanns. Lange vor Richard hatte derselbe für
die ältere Schwester eine stille Verehrung gehegt, doch niemals Leidenschaft,
nie eine Absicht blicken lassen. Er hätte aber auch als offener Bewerber kaum
seinen Zweck erreicht, da er bei aller Musterhaftigkeit seiner Person und Sitten
durch eine gewisse stolze Trockenheit sich wider Willen gerade bei denen am
meisten schadete, an deren Gunst ihm vor andern gelegen sein musste.
Die Krankheit und den Tod Annas erfuhr er nur zufällig bei seiner Rückkehr von
einer längeren Reise. Es war ein trauriges Wiedersehn in Luciens verödetem
Stübchen. Der sonst so verschlossene, wortkarge Mensch zerfloss in Tränen
neben ihr. Sie erneuerten ihre Freundschaft, und mir ist nicht ganz
unwahrscheinlich, obwohl es Lucie bestritt, dass Paul die Neigung zu der
Toten im stillen schon auf die Lebende kehrte. Beim Abschiede und, im
Übermass der Schmerzen, entschlüpfte ihr, sie weiss nicht wie, die lebhaften
Worte:

"Räche die Schwester, wenn du ein Mann bist!"

Sie dachte, wie ich gerne glauben mag, dabei an nichts Bestimmtes. Als aber
sechs Tage darauf die Schreckenspost von ungefähr auch ihr zukam, war
jenes Wort freilich ihr erster Gedanke. Ein Tag und eine Nacht verging ihr in
furchtbarer Ungewissheit unter den bängsten Ahnungen. Paul hatte sich seit
jenem Abende nicht wieder bei ihr sehen lassen, er hatte ihr noch unter der
Türe empfohlen, gegen niemand von seinem Besuche zu sprechen. Bei seiner
eigenen Art und Weise fiel ihr dies nicht sogleich auf; jetzt musste sie notwendig
das Ärgste daraus schliessen. Indes fand er Mittel und Wege, um heimliche
Kunde von sich zu geben. Sein Billett liess deutlich genug für Lucien erraten,
dass der Leutnant durch ihn, aber im ehrlichen Zweikampf, gefallen. Sie möge
sich beruhigen und ausser Gott, der mit der gerechten Sache gewesen,
niemanden zum Vertrauen darin machen. Er werde unverzüglich verreisen, und
es stehe dahin, ob er je wiederkehre; sie werde im glücklichen Fall von ihm
hören. Es lag eine Summe in Geld beigeschlossen, die anzunehmen er auf
eine zarte Weise bat.

Das Mädchen war in Verzweiflung. Sie sah sich einer Handlung teilhaftig, welche
in ihren Augen um so mehr die Gestalt eines schweren Verbrechens annahm,
je ängstlicher sie das Geheimnis bei sich verschliessen musste, je grösser die
Emsigkeit der Gerichte, der Aufruhr im Publikum war. Die Vorstellung, dass sie
den ersten, entscheidenden Impuls zur Tat gegeben, wurde bald so mächtig
in ihr, dass sie sich selbst als Mörderin im eigentlichen Sinn betrachtete. Dazu
kam die Sorge um Paul, er könne verraten und gefangen werden, um seine
Treue lebenslang im Kerker zu bereuen. Ihre lebhafte Einbildungskraft, mit
dem Gewissen verschworen, bestürmte nun die arme Seele Tag und Nacht.
Sie sah fast keinen Menschen, sie zitterte, so oft jemand der Türe nahe kam.
Und zwischen allen diesen Ängsten schlug alsdann der Schmerz um die
verlorene Schwester auf ein neues mit verstärkter Heftigkeit hervor. Ihre
Sehnsucht nach der Toten, durch die Einsamkeit gesteigert, ging bis zur
Schwärmerei. Sie glaubte sich in eine Art von fühlbarem Verkehr durch
stundenlange nächtlicher Gespräche mit ihr zu setzen, ja mehr als einmal
streifte sie vorübergehend schon an der Versuchung hin, die Scheidewand
gewaltsam aufzuheben, ihrem unnützen, qualvollen Leben ein Ende zu
machen.

An einem trüben Regentag, nachdem sie kurz vorher auf Annas Grabe nach
Herzenslust sich ausgeweint, kam ihr mit eins und wie durch eine höhere
Eingebung der ungeheure Gedanke, sie wolle, müsse sterben; die Gerechtigkeit
selbst sollte ihr die Hand dazu leihen. Es sei ihr da, bekannte sie mir, die Sünde
des Selbstmords so eindringlich und stark im Geiste vorgehalten worden, dass
sie den grössten Abscheu davor empfunden habe. Dann aber sei es wie ein
Licht in ihrer Seele aufgegangen, als ihr dieselbe Stimme zugeflüstert habe,
Gott wolle sie selbst ihres Lebens in Frieden entlassen, wofern sie es zur
Sühnung der Blutschuld opfern würde.

In dieser seltsamen Suggestion lag, wie man sehr leicht sieht, ein grosser
Selbstbetrug versteckt. Sie wurde nicht einmal gewahr, dass der glühende
Wunsch und die Aussicht zu sterben bei ihr die Idee jener Busse oder doch die
volle Empfindung davon, die eigentliche Reue, beinahe verschlang und aufhob.

Nach ihren weiblichen Begriffen konnte übrigens von seiten der Gerichte,
nachdem sie sich einmal als schuldig angegeben hätte, ihrer Absicht weiter
nicht entgegenstehn, und da sie, völlig unbekannt mit den Gesetzen des Duells,
weder an Zeugen noch Mitwisser dachte, so fürchtete sie auch von dorther
keinen Einspruch. Genug, sie tat den abenteuerlichen Schritt mit aller Zuversicht,
und länger, als man denken sollte, erhielt sich das Gefühl des Mädchens in
dieser phantastischen Höhe.

Aus ihrer ganzen Darstellung mir gegenüber ging jedoch hervor, dass sie
inzwischen selbst schon angefangen hatte, das Unhaltbare und Verkehrte ihrer
Handlung einzusehen. Und so konnte denn jetzt zwischen uns kaum die Frage
mehr sein, was man nun zu tun habe.

"Nichts anderes", erkläre ich, "als ungesäumt die ganze, reine Wahrheit sagen!" -

Einen Augenblick fühlte sich Lucie sichtlich bei diesem Gedanken erleichtert.
Dann aber stand sie plötzlich wieder zweifelhaft, ihre Lippen zitterten, und jede
Miene verriet den heftigen Kampf ihres Innern. Sie wurde ungeduldig, bitter,
bei allem, was ich sagen mochte.

"Ach Gott!" rief sie zuletzt, "wohin bin ich geraten! wer hilft aus diesem
schrecklichen Gedränge? Mein teurer und einziger Freund, haben Sie
Nachsicht mit einer Törin, die sich so tief in ihrem eigenen Netz verstrickt,
dass sie nun nicht mehr weiss, was sie will oder soll - Sie dürfen mein
Geheimnis nicht bewahren, das seh' ich ein und konnte es denken,
bevor ich zu reden anfing - War's etwa besser, ich hätte geschwiegen?
Nein, nein! Gott selber hat Sie mir geschickt und mir den Mund geöffnet -
nur bitte ich, beschwör' ich Sie mit Tränen nicht zu rasch! Machen Sie heute
und morgen noch keinen Gebrauch von dem, was Sie hörten! Ich muss mich
bedenken, ich muss mich erst fassen - die Schande, die Schmach! wie werd'
ich's überleben - "

Sie hatte noch nicht ausgeredet, als wir durch ein Geräusch erschreckt und
unterbrochen wurden; es kam gegen die Türe.

"Man wird mir ein Verhör ankündigen -", rief Lucie und fasste angstvoll meine
Hände. "Um Gotteswillen, schnell! wie verhalte ich mich? wozu sind Sie
entschlossen?" -

"Bekennen Sie!" versetzt' ich mit Bestimmtheit und nahm mich zusammen.
Drei Herren traten ein. Ein Wink des Oberbeamten hiess mich abtreten; ich
sah nur noch, wie Lucie seitwärts schwankte, ich sah den unaussprechlichen
Blick, den sie mir nachsandte.

Auf der Strasse bemerkte ich, dass mir von fern eine Wache nachfolgte;
unbekümmert ging ich nach meinem Quartier und in die allgemeine Wirtsstube,
wo ich mich unter dem Lärmen der Gäste auf den entferntesten Stuhl in einer
Ecke warf.

Indem ich mir nun mit halber Besinnung die ganze Situation samt allen
schlimmen Möglichkeiten, und wie ich mich in jedem Falle zu benehmen hätte,
so gut es ging, vorhielt, trat eilig ein junger Mann zu mir und sagte:

"Ich bin der Neffe des Predigers S., der mich zu Ihnen sendet. Er hat vor einer
Stunde von guter Hand erfahren, dass das Gericht in Sachen Luciens
Gelmeroth seit gestern schon auf sicherm Grunde sei, auch dass sich alles
noch gar sehr zugunsten des Mädchens entwickeln dürfte. Wir haben überdies
Ursache zu vermuten, es seien während Ihrer Unterredung mit dem Fräulein
die Wände nicht ganz ohne Ohren gewesen; auf alle Fälle wird man Sie
vernehmen; die Herren, merk' ich, lieben die Vorsicht, wie uns die beiden
Lümmel beweisen, die man in Ansehen auf Ihre suspekte Person da draussen
promenieren lässt. Glück zu, mein Herr! der letzte Akt der Tragikkomödie lichtet
sich schon, und Luciens Freunde werden sich demnächst vergnügt die Hände
schütteln können."

So kam es denn auch. Es fand sich in der Tat, dass durch das Geständnis des
Hauptmanns, der sich, durch mehrere Indizien überführt, mit noch einem andern
als Beistand des Duells bekannte, die Sache schon erhoben war, noch eh' man
Luciens und meine Bestätigung einzuholen kam. Das Mädchen hatte unmittelbar
auf jene Unterredung mit mir unweigerlich alles gestanden. In kurzem war sie
losgesprochen.

Jetzt aber forderte der Zustand ihres Innern die liebevollste, zarteste Behandlung.
Sie glaubte sich entehrt, vernichtet in den Augen der Welt als Abenteurerin
verlacht, als Wahnsinnige bemitleidet. Fühllos und resigniert tat sie den
unfreiwilligen Schritt ins menschliche Leben zurück. Die Zukunft lag wie eine
unendliche Wüste vor ihr, sie selbst erschien sich nur eine verächtliche Lüge,
sie wusste nichts mehr mit sich anzufangen.

Nun bot zwar für die nächste Zeit der gute Prediger und dessen
menschenfreundliche Gattin eine wünschenswerte Unterkunft an. Allein wie
sollte ein so tief zerrissenes Gemüt da, wo es überall an seinen Verlust, an
seine Verirrung gemahnt werden musste, je zu sich selber kommen? Man
musste darauf denken, ein stilles Asyl in einer entfernteren Gegend ausfindig
zu machen. Meine Versuche blieben nicht fruchtlos. Ein würdiger Dorfpfarrer,
mein nächster Anverwandter, der in einem der freundlichsten Täler des
Landes mit seiner liebenswürdigen Familie ein echtes Patriarchenleben führte,
erlaubte mir, die arme Schutzbefohlene ihm zu bringen. Ich durfte dort im
Kreise feingesinnter Menschen neben ihr noch mehrere Wochen verweilen,
die mir auf ewig unvergesslich bleiben werden.

Und soll ich nun zum Ende kommen, so wird nach alle dem bisher Erzählten
wohl niemand das Geständnis überraschen, dass Mitleid oder Pietät es nicht
allein gewesen, was mir das Schicksal des Mädchens so nahegelegt. Ich liebte
Lucien und konnte mich fortan getrost dem stillen Glauben überlassen, dass
unsere beiderseitiges Geschick für immer unzertrennlich sei. Mit welchen
Gefühlen sah ich die Gegenwart oft im Spiegel der Vergangenheit! Wie
ahnungsvoll war alles! Mein Kommen nach der Vaterstadt just im
bedenklichsten Moment wie bedeutend!

Noch aber fand ich es nicht an der Zeit, mich meiner Freundin zu erklären.
Wir schieden wie Geschwister voneinander, sie ohne die geringste Ahnung
meiner Absicht. Durch Briefe blieben wir in ununterbrochener Verbindung, und
Lucie machte sich's zur Pflicht, in einer Art Tagebuch mir von allem und jedem,
was sie betraf, getreue Rechenschaft zu geben. Aus diesen Blättern ward mir
dann bald klar, dass für das innere sittliche Leben des Mädchens infolge jener
tief eingreifenden Erfahrungen und durch die milde Einwirkung des Mannes,
welcher sie in seine Pflege nahm, eine Epoche angebrochen war, von deren
segensreicher, lieblicher Entwicklung viel zu sagen wäre.

Die Welt verfehlte nicht, mir ein hämisches Mitleid zu zollen, als ich nach kaum
zwei Jahren Lucie Gelmeroth als meine Braut heimführte; und doch verdanke
ich Gott in ihr das höchste Glück, das einem Menschen irgend durch einen
andern werden kann.


- Eduard Mörike 1804-1875, deutscher Lyriker, Erzähler und Übersetzer -







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