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Die Liebesgeschichte des Kanzlers Schlicks



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zitat

Die höchste Schönheit, die der
Mensch erreichen kann, ist,
dass er alle Leidenschaften in
sich zu einem Kunstwerk
verarbeitet.

- Sophie Bernhardi -

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Eine amusante und spannende Liebesgeschichte, geschrieben von dem bekannten deutschen Schriftsteller Achim von Arnim.

Die Liebesgeschichte des Kanzlers Schlicks

Gnädige Frau! Sie werden es nicht übersehen haben, wie gern
ich Sie oft angesehen. Ihre Ähnlichkeit mit einem mir sehr werten
Gemälde war nicht der einzige Grund, mehr wirkte noch das reizend
Zusammenstimmende aller ihrer Bewegungen, die von einer neuen,
alles beherrschenden Sehnsucht erfüllt waren. Sie waren unendlich
reizend als Sie liebten und Sie verlieren jetzt täglich von Ihren Reizen,
nun Sie nicht mehr lieben.

Ich bitte Sie gnädige Frau um Ihrer Schönheit willen, vergessen Sie
entweder den Flüchtling ganz, den die Ehre in entfernte Gegenden
geführt zu den stolzen Spanierinnen, oder sterben Sie vor Sehnsucht,
oder lieben Sie einen andern, oder lieben Sie die Tugend. Und wenn
Sie gerade keinen andern und keine Tugend wissen, die Sie lieben
möchten, lieben Sie mich, und lieben Sie die Tugend in mir: ich bin
die Tugend des Mitleidens um Ihre Schönheit, die noch als lebendige
Gestalt vor mir steht, während sie auf Ihren Wangen nur als eine halb
vergessene Erinnerung noch für kurze Nachsommertage zu weilen
und in die Vergangenheit umzublicken droht. Besinnen Sie sich
und finden Sie mich dann noch immer allzuhässlich, so verschmähen
Sie wenigstens meinen Trost nicht, den ich Ihnen aus gutem Herzen
und alten Geschichten zusammengelesen.

Sie werden finden, dass Ihnen nichts Besonderes widerfahren mit dem
Adjutanten des Marschalls, dem Sie als Gefangene eine milde Zuflucht
in Ihrem Hause gestatteten und der Sie als Sieger verliess, zwar klagend
und ewige Treue verlobend, aber Sie wissen besser als ich wie er die in
Paris gehalten.

Sie möchten nun gern wissen, woher ich das alles weiss, aber meine
Gnädige, ehe Sie mich nicht lieben, verrate ich das nicht: genug, es
ist kein Brieflein von Ihnen, das ich nicht abgeschrieben, ich erinnere
nur des zeichens wegen an jenen, worauf Uniformknöpfe gesteckt
waren, ferner an das kleine braune Mal, wo Ihr Herz pocht, an die
Verkleidung, wie Sie als Sträussermädchen bei der grossen Parade
neben Ihrem Liebling standen, der das Ehrenkreuz erhielt, wie gingen
Sie nachher so eilig mit ihm in seine Wohnung! Sie sehen, der Verräter
schläft nie, oder hat er auch geschlafen, worüber Sie vielleicht keine
Nachricht geben wollen, so schlafe ich nicht, ich lasse alles drucken,
wenn Sie meine Hand nicht durch einen Händedruck lähmen.

Doch Scherz beiseite, der sich für Ihre Trauer und für meine Gutmütigkeit
nicht schickt. Sie sehen wohl, wir leben nicht mehr in der guten Ritterzeit,
für die ich Sie durch häufiges Vorlesen des Heldenbuchs vorbereiten
wollte, wo Reisen und Kriegsunternehmungen nur darum ausgeführt
wurden, um Liebe aufzusuchen und in ihrem Dienste nur einmal im
Leben aber ganz allen Schmerz und Freude, Hoffnung und Trostlosigkeit
zu einer ewigen Treue zu häufen.

Wenn Sie aus diesem hellen Traume mitten in der dunklen Nacht unsrer
Zeit aufgewacht sind, wo in tausend Missgriffen der eine nicht sein Zimmer,
der andre nicht sein Bett finden kann und alles in trostloser Mannigfaltigkeit
gestört und verwirrt wird, so trösten Sie sich damit, dass diese Verwirrung
auch schon sehr alt gewesen, älter als alle dreieckigte Hüte in der Welt.

Sie werden das nicht glauben wollen, es scheint Ihnen alles einzig, lesen
Sie darum diese Geschichte aus der Zeit des Kaisers Sigismund, die
Liebesgeschichte seines Kanzlers, des Ritters Caspar Schlick, wie sie
der Papst Pius der Zweite beschrieben, er, als ein Geistlicher, wird alles
Unanständige vermieden haben, ich habe nur ausgezogen, damit ich der
meuchelmörderischen Stichelei nicht beschuldigt würde.

Vielleicht gelingt es mir, Sie und viele unsrer Landsmänninnen in ihrer
Liebe künftig patriotischer zu machen, sie ganz der vaterländischen
Jugend zuzuwenden: ein ähnlicher Zweck wie in den "Römischen Elegien",
in den "Venezianischen Epigrammen", in der "Fiammetta" und in der
"Corinna".

Europa ist zu mannigfaltig ausgebildet um sich einer Leidenschaft ganz
zu ergeben, wir stehen nun einmal gar nicht mehr auf der Erde wie die
andern Weltteile, sondern, von diesen auf dünnem Seile in der Luft
getragen, sei es unser Bemühen wie gute Seiltänzer, wo wir der Menge
unvermeidlich als fallend erscheinen, uns am höchsten von dem Seile
aufschnellen zu lassen; das feste Bestehen ist doch einmal nicht möglich.

So sehe ich Sie, gnädige Frau, wie Sie nach dem Lesen dieser Geschichte
aus dem Halbdunkel Ihres Zimmers und Ihrer Traurigkeit aufspringen, mir
entgegen eilen, Sie kennen den hüpfenden Gang meines hölzernen Beines,
mir in die Arme fliegen und alle unpatriotischen Liebesgedanken vergessen,
die wie fliegende Brücken über wilde Ströme, je reissender diese die Länder
scheiden, desto schneller die getrennten Bewohner zusammen führen.
Jetzt hat aber der Eisberg die Brücken und Ihren Geliebten forgerissen.

- Sie sehen, seit ich Invalide geworden, weiss ich recht schöne Betrachtungen
anzustellen.

Der Invalide

Das gesunde Fräulein behauptete am Schlusse des Briefes, das wäre boshaft,
und der Invalide müsste knieend Abbitte tun.

"Wir kennen uns besser", sagte die Frau vom Hause, und gab ihm die Hand.

Sie gäben viel darum, wenn Sie nicht über das Rührende lachen müssten,
weil Ihnen sonst die Augen wehe tun." -

"Und mein hölzernes Bein bleibt doch von Holz", fügte er hinzu und las weiter.


- Achim von Arnim 1781-1831, deutscher Schriftsteller; aus: Erzählungen -







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