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zitat

Der Schlüssel der Geschichte
ist nicht in der Geschichte;
er ist im Menschen.

- Théodore Jouffroy -

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Eine schöne Geschichte über Liebe und Freundschaft, geschrieben von dem österreichischen Schrifsteller Adalbert Stifter.

Brigitta

Wir ritten nach Maroshely. Brigitta ist wirklich jenes reitende Weib
gewesen, das mir die Pferde mitgegeben hatte. Sie erinnerte sich
mit freundlichem Lächeln an unsere alte Bekanntschaft. Meine
Wangen wurden rot, weil ich auf das Trinkgeld dachte. Es war
niemand anderer zum Besuche da, als der Major und ich.
Er stellte mich als einen Reisebekannten vor, mit dem er einmal
viel zusammen gewesen sei, und von dem er sich schmeichle,
dass er nun von einem Bekannten in einen Freund überzugehen
im Begriffe sei.

Ich erlebte die Freude - und es war mir wirklich keine unbedeutende -
dass sie fast alle Dinge wusste, die sich auf mein früheres
Zusammensein mit ihm bezogen, dass er ihr also viel von mir erzählt
haben musste, dass er noch mit Vorliebe bei jenen Tagen verweile,
und dass sie es der Mühe wert hielt, sich diese Sache zu merken.

Sie sagte, sie wolle mich nicht in ihrem Schlosse und in ihren Feldern
herumführen, ich werde das gelegentlich sehen, wenn wir spazieren
gehen, und wenn ich oft genug von Uwar werde herübergekommen
sein, wozu sie mich höflich einlade.

Dem Major machte sie einen Vorwurf, warum er denn so lange nicht
herübergekommen sei. Er entschuldigte sich mit den vielen Geschäften,
und hauptsächlich damit, dass er ohne mich nicht herüberreiten wollte,
und dass er doch vorher erst sehen wollte, wie sehr oder wie wenig ich
zu seiner Freundin passe.

Wir gingen in einen grossen Saal, in dem wir ein wenig ausruhten.
Der Major zog eine Schreibtafel hervor und fragte sie um mehrere
Dinge, die sie klar und einfach beantwortete, und von denen er sich
manche aufzeichnete. Auch sie fragte dann um Verschiedenes, was
sich auf manchen Nachbar, auf die Geschäfte des Augenblickes,
oder auf den künftigen Landtag bezog.
Ich sah bei dieser Gelegenheit, mit welch tiefem Ernste sie die Dinge
behandelten, und welche Aufmerksamkeit der Major auf ihre Meinungen
legte. Wo sie in etwas unsicher war, gestand sie ihre Unwissenheit und
bat den Major um Berichtigung.

Als wir ausgeruht hatten, und der Major die Schreibtafel einsteckte,
standen wir auf, um in den Besitzungen einen Spaziergang zu machen.
Hier redete man häufig von den Veränderungen, die erst jüngst in ihrem
Hause entstanden waren. Wenn sie hiebei auf Dinge seines Hauses
kam, war es mir, als läge eine Art Zärtlichkeit darinnen, wie sie sich um
dieselben bekümmerte. Sie zeigte ihm den neuen hölzernen Säulengang
am Gartengeschosse des Hauses, und fragte, ob sie Reben hinanziehen
solle; an seinen Hoffenstern, meine sie, liesse sich auch so ein Ding
anbringen, wo es sich in der Spätherbstsonne recht angenehm sitze.

Sie führte uns in den Park, der vor zehn Jahren ein wüster Eichenwald
gewesen war; jetzt gingen Wege durch, flossen eingehegte Quellen,
und wandelten Rehe. Sie hatte durch unsägliche Ausdauer um den
ungeheuren Umfang desselben eine hohe Mauer gegen die Wölfe
aufführen lassen. Das Geld hiezu zog sie langsam aus ihrem Viehstande,
und aus den Maisfeldern, deren Pflege sie sehr emporgebracht hatte.
Als die Einhegung fertig war, ging man in einem geschlossenen Jagen
Schritt für Schritt durch jede Stelle des Parkes, um zu sehen, ob man
nicht etwa einen Wolf zu künftiger Brut mit eingemauert habe. Aber es
war keiner zugegen. Dann erst wurden Rehe in die Einhegung gesetzt,
und für anderes Vorkehrungen gemacht. Die Rehe, schien es, wussten
das alles und dankten ihr dafür; denn, wenn wir manches bei unserem
Gange sahen, war es nicht scheu und blickte mit den dunkeln, glänzenden
Augen gegen uns herüber.

Brigitta führte ihre Gäste und Freunde recht gerne durch den Park, weil sie
ihn liebte. Wir kamen oben auch zur Anlage der Fasanen. Wie wir so durch
die Wege gingen, und weisse Wolken durch die Eichenwipfel hereinschauten,
gewann ich Gelegenheit, Brigitta zu betrachten. Ihre Augen, schien es mir,
waren noch schwärzer und glänzender, als die der Rehe, und mochten heute
besonders hell strahlen, weil der Mann an ihrer Seite ging, der ihr Wirken und
Schaffen zu würdigen verstand. Ihre Zähne waren schneeweiss, und der für
ihre Jahre noch geschmeidiger Wuchs zeigte von unverwüstlicher Kraft.
Da sie den Major erwartet hatte, war sie in Frauenkleidern und hatte ihre
Geschäfte beiseite gesetzt, weil sie den Tag für uns widmete.

Unter Gesprächen der verschiedensten Art, von der Zukunft des Landes,
von Hebung und Verbesserung des gemeinen Mannes, von Bearbeitung
und Benützung des Bodens, von Ordnung und Einschränkung des
Donaustromes, von ausgezeichneten Persönlichkeiten der Vaterlandsfreunde,
kamen wir durch den grössten Teil des Parkes, da sie uns, wie ich schon oben
sagte, nicht durch ihre Besitzungen herumführen, sondern uns nur Gesellschaft
leisten wollte. Da wir zum Hause zurückkehrten war Essenszeit. Zum Mahle kam
auch Gustav, der Sohn Brigittas, mit ziemlich verbrannten Wangen, ein lieblich
schlanker Jüngling, eine Blume von Gesundheit. Er hatte heute an der Stelle
der Mutter die Felder besucht, und die Arbeiten eingeteilt, und berichtete ihr
jetzt manches mit kurzen Worten. Bei Tische sass er horchend und bescheiden
unten an; in seinen schönen Augen lag Begeisterung für die Zukunft und
unendliche Güte für die Gegenwart. Da auch, wie bei dem Major, das Gesinde
mit an dem Tische sass, so bemerkte ich meinen Freund Milosch, der mich zum
Zeichen alter Bekanntschaft grüsste.

Der grösste Teil des Nachmittages verging mit Besichtigung mehrerer Veränderungen,
die dem Major neu waren, mit einer Runde im Garten, und mit einem Gange durch den
Weinberg.

Gegen Abend nahmen wir Abschied. Da wir unsere Kleider zusammensuchten, machte
Brigitta dem Major einen Vorwurf, dass er neulich in der Nachtluft von Gömör weg in
leichten Kleidern nach Hause geritten sei - ob er denn nicht wisse, wie tückisch die
Tauluft dieser Ebene sei, dass er sich so aussetze?! Er verteidigte sich nicht, und
sagte, er werde in Zukunft schon vorsichtiger sein. Ich aber wusste recht gut, dass
er damals seine Bunda Gustav aufgenötigt hatte, der ohne eine gekommen war, und
dem er vorgelogen hatte, dass er noch eine andere im Stalle liegen habe. Dieses
Mal aber schieden wir mit allem hinlänglich versorgt und verwahrt. Brigitta selbst
bekümmerte sich um jedes, und ging erst in das Haus zurück, als wir schon in unsern
dichten Oberkleidern zu Pferde sassen, und der Mond aufging. Sie hatte dem Major
noch ein paar Aufträge gegeben, und beurlaubte sich dann mit einfacher edler
Freundlichkeit.

Die Gespräche der zwei Menschen waren den ganzen Tag über ruhig und heiter
gewesen, aber mir schien es, als zitterte eine heimliche Innigkeit durch, der sich
beide schämten Raum zu geben, wahrscheinlich, weil sie sich für zu alt hielten.
Auf dem Rückwege aber sagte der Major zu mir, als ich mich einiger wahrhafter
aufrichitger Lobesworte auf diese Frau nicht enthalten konnte:

"Freund! ich bin oft in meinem Leben heiss begehrt worden, ob auch so geliebt,
weiss ich nicht, aber die Gesellschaft und die Achtung dieser Frau ist mir ein
grösseres Glück auf dieser Welt geworden, als jedes andere in meinem Leben,
das ich für eines gehalten habe."

Er hatte diese Worte ohne alle Leidenschaft gesagt, aber mit einer solchen
Ruhe der Gewissheit, dass ich in meinem Herzen von der Wahrheit derselben
vollständig überzeugt war. Mir geschah es in diesem Augenblicke beinahe, was
sonst nicht meine Art ist, dass ich den Major um diese Freundschaft und um
sein häusliches Wirken beneidete; denn ich hatte damals recht auf der ganzen
Welt nichts Festes, um mich daran zu halten, als etwa meinen Wanderstab, den
ich wohl in Bewegung setzte, dieses und jenes Land zu sehen, der aber doch
nicht recht nachhalten wollte.

Als wir nach Hause kamen, trug mir der Major an, dass ich noch den Sommer
und Winter bei ihm zubringen möchte. Er hatte begonnen, mich mit grösster
Vertraulichkeit zu behandeln, und mich tiefer in sein Leben und sein Herz
blicken zu lassen, dass ich eine grosse Liebe und Neigung zu dem Manne
fasste. Ich sagte also zu. Und da ich dieses nun einmal getan hätte, sagte er,
so wolle er mir auch sogleich einen Geschäftszweig seines Hauses auftragen,
den ich ständig besorgen sollte - es würde mich nicht reuen, sagte er, und
würde mir gewiss in der Zukunft von Nutzen sein. Ich willigte ebenfalls ein,
und in der Tat, es war mir von Nutzen.

Dass ich nun einen Hausstand habe, dass ich eine liebe Gattin habe, für die
ich wirke, dass ich nun Gut um Gut, Tat um Tat in unsern Kreis hereinziehe,
verdanke ich dem Major.

Als ich einmal ein Teil jenes einträchtigen Wirkens war, das er entfaltete,
wollte ich doch die Sache so gut machen, als ich konnte, und da ich mich
übte, machte ich sie immer besser, ich war nütze und achtete mich - und
da ich die Süssigkeit des Schaffens kennenlernte, erkannte ich auch, um
wieviel mehr wert sei, was ein gegenwärtig Gutes setzt, als das bisherige
Hinschlendern, das ich Erfahrungen sammeln nannte, und ich gewöhnte
mich an Tätigkeit.

So ging die Zeit nach und nach hin, und ich war unendlich gerne in Uwar
und seiner Umgebung.

Ich kam in diesen Verhältnissen öfter nach Maroshely. Man achtete mich,
und ich war fast wie ein Glied der Familie, und lernte die Sachlage immer
besser kennen. Von einer unheimlichen Leidenschaft, von einem fieberhaften
Begehren, oder gar von Magnetismus, wie ich gehört hatte, war keine Spur.
Dagegen war das Verhältnis zwischen dem Major und Brigitta von ganz
merkwürdiger Art, dass ich nie ein ähnliches erlebt habe. Es war ohne
Widerrede das, was wir zwischen Personen verschiedenen Geschlechtes
Liebe nennen würden, aber es erschien nicht als solches. Mit einer
Zartheit, mit einer Verehrung, die wie an die Hinneigung zu einem höheren
Wesen erinnerte, behandelte der Major das alternde Weib; sie war mit
sichtlicher innerlicher Freude darüber erfüllt, und diese Freude, wie eine
späte Blume, blühte auf ihrem Antlitze, und legte einen Hauch von Schönheit
darüber, wie man es kaum glauben sollte, aber auch die feste Rose der
Heiterkeit und Gesundheit.

Sie gab dem Freunde dieselbe Achtung und Verehrung zurück, nur dass
sich zuweilen ein Zug von Besorgnis um seine Gesundheit, um seine kleinen
Lebensbedürfnisse und dergleichen einmischte, der doch wieder dem Weibe
und der Liebe angehörte. Über dieses hinaus ging das Benehmen beider
nicht um ein Haar - und so lebten sie nebeneinander fort.

Der Major sagte einmal zu mir, dass sie in einer Stunde, wo sie, wie es selten
zwischen Menschen geschieht, miteinander inniger über sich selber sprachen,
festgesetzt haben, dass Freundschaft der schönsten Art, dass Aufrichtigkeit,
dass gleiches Streben und Mitteilung zwischen ihnen herrschen sollte, aber
weiter nichts; an diesem sittlich festen Altare wollen sie stehenbleiben, vielleicht
glücklich bis zum Lebensende - sie wollen keine Frage weiter an das Schicksal
tun, dass es keinen Stachel habe, und nicht wieder tückisch sein möge. Dies
sei nun schon mehrere Jahre so, und werde so bleiben.

Das hatte der Major zu mir gesagt - allein in einiger Zeit darauf tat das ungefragte
Schicksal von selber eine Antwort, die alles schnell und auf unverwartete Art löste.

Es war schon sehr spät im Herbste, man könnte sagen, zu Anfang Winters, ein
dichter Nebel lag eines Tages auf der bereits festgefrornen Heide, und ich ritt
eben mit dem Major auf jenem neugebauten Wege mit der jungen Pappelallee,
wir hatten vor, vielleicht ein wenig zu jagen, als wir plötzlich durch den Nebel
herüber zwei dumpfe Schüsse fallen hören.

"Das sind meine Pistolen, und keine andern", rief der Major.

Ehe ich etwas begreifen und fragen konnte, sprengte er schon die Allee entlang,
so furchtbar, wie ich nie ein Pferd habe laufen gesehen, ich folgte ihm nach, weil
ich ein Unglück ahnete, und als ich wieder zu ihm kam, traf ich auf ein Schauspiel,
so grässlich und so herrlich, dass noch jetzt meine Seele schaudert und jauchzt:
an der Stelle, wo der Galgen steht, und der Binsenbach schillert, hatte der Major
den Knaben Gustav gefunden, der sich nur noch matt gegen ein Rudel Wölfe
wehrte. Zwei hatte er erschossen, einen, der vorne an sein Pferd gesprungen war,
wehrte er mit seinem Eisen, die andern bannte er für den Augenblick mit der Wut
seiner vor Angst und Wildheit leuchtenden Augen, die er auf sie bohrte; aber
harrend und lechzend umstanden sie ihn, dass eine Wendung, ein Augenzucken,
ein Nichts Grund werden könne, mit eins auf ihn zu fallen - da, im Augenblicke der
höchsten Not, erschien der Major. Als ich ankam, war er schon wie ein verderblich
Wunder, wie ein Meteor, mitten unter ihnen - der Mann war fast entsetzlich
anzuschauen, ohne Rücksicht auf sich, fast selber wie ein Raubtier warf er sich
ihnen entgegen. Wie er von dem Pferde gekommen war, hatte ich nicht gesehen,
da ich später ankam; den Knall seiner Doppelpistole hatte ich gehört, und wie ich
auch dem Schauplatz erschien, glänzte sein Hirschfänger gegen die Wölfe, und er
war zu Fuss. Drei - vier Sekunden mochte es gedauert haben, ich hatte bloss Zeit,
mein Jagdgewehr unter sie abzudrücken, und die unheimlichen Tiere waren in den
Nebel zerstoben, als wären sie von ihm eingetrunken worden.

"Ladet", schrie der Major, "sie werden gleich weider hier sein."

Er hatte die weggeschleuderten Pistolen aufgerafft, und stiess die Patronen hinein.
Wir luden auch, und in dem Augenblicke, da wir ein wenig still waren, vernahmen
wir den unheimlichen Trab um die Galgeneiche herum. Es war klar, die hungrigen
geängsteten Tiere umkreisten uns, bis ihnen wieder etwa der Mut zum Angriffe
gewachsen sein würde. Eigentlich sind diese Tiere, wenn sie nicht von dem
Hunger gespornt werden, feig. Wir waren zu einer Wolfsjagd nicht gerüstet,
der unselige Nebel lag dicht vor unsern Augen, daher schlugen wir den Weg
zu dem Schlosse ein. Die Pferde schossen in Todesangst dahin, und da wir
so ritten, sah ich es mehr als einmal wie einen jagenden Schatten neben mir,
grau im grauen Nebel. In unsäglicher Geduld eilte die Herde neben uns. Wir
mussten in steter Bereitschaft sein. Von dem Major fiel einmal links ein Schuss,
aber wir erkannten nichts, zum Reden war keine Zeit, und so langten wir an dem
Parkgitter an, und wie wir hineindrangen, brachen die edlen, schönen, dahinter
harrenden Doggen neben uns heraus, und in demselben Augenblicke scholl
auch schon aus dem Nebel ihr wütendes Heulen, hinter den Wölfen heidewärts
schweifend.

"Sitzt alle auf", rief der Major den entgegeneilenden Knechten zu, "lasst alle
Wolfshunde los, dass meine armen Doggen nichts leiden. Bietet die Nachbarn
auf, und jagt, soviel Tage ihr wollt. Ich gebe für jeden toten Wolf das doppelte
Schussgeld, die ausgenommen, die an der Galgeneiche liegen; denn die haben
wir selbst getötet. An der Eiche liegt vielleicht auch eine der Pistolen, die ich
voriges Jahr an Gustav geschenkt habe, denn ich sehe nur eine in seiner
Hand, und das Sattelfach der andern ist leer; seht zu, ob es so ist."

"Seit fünf Jahren", sagte er zu mir gewendet, da wir im Parke weiter ritten,
"hat sich kein Wolf so nahe zu uns gewagt, und es war sonst ganz sicher hier.
Es muss einen harten Winter geben, und er muss in den nördlichen Ländern
schon begonnen haben, dass sie sich bereits so weit herabdrücken."

Die Knechte hatten den Befehl des Herrn vernommen, und in weniger Zeit, als es
mir glaublich schien, war ein Haufen Jäger ausgerüstet, und das Geschlecht jener
schönen zottigen Hunde war neben ihnen, das den ungarischen Heiden eigen
und für sie so unentbehrlich ist. Man beredete sich, wie man die Nachbarn abholen
wolle, und dann gingen sie fort, um eine Jagd einzuleiten, von der sie erst in acht,
vierzehn, oder noch mehreren Tagen zurückkehren würden.

Wir hatten alle drei, ohne von den Pferden zu steigen, dem grössten Teil dieser
Anstalten zugeschaut. Als wir uns aber von den Wirtschaftsgebäuden dem
Schlosse zuwendeten, sahen wir, dass Gustav doch verwundet sei. Als wir
nämlich unter dem Torbogen anlangten, von wo wir in unsere Zimmer wollten,
wandelte ihn eine Übelkeit an, und er drohte von dem Pferde zu sinken. Einer
von den Leuten fing ihn auf und hob ihn herunter, da sahen wir, dass die Lenden
des Tieres von Blut gefärbt waren. Wir brachten ihn in eine Wohnung des
Erdgeschosses, die gegen den Garten hinausging, der Major befahl sogleich
Feuer in den Kamin zu machen, und das Bett zu bereiten. Als indessen die
schmerzende Stelle entblösst worden war, untersuchte er selber die Wunde.
Es war ein leichter Biss im Schenkel, ohne Gefahr, nur der Blutverlust und die
vorhergegangene Aufregung liess jetzt den Jüngling mit Ohnmachten kämpfen.

Er ward in das Bett gebracht, und sofort ein Bote an den Arzt und einer an
Brigitta abgefertigt. Der Major blieb bei dem Bette und sorgte, dass keine der
Ohnmachten überhand nehmen könne. Als der Arzt kam, gab er ein stärkendes
Mittel, erklärte die Sache für durchaus ungefährlich, und sagte, dass der
Blutverlust selber ein Heilmittel gewesen sei, da er die Heftigkeit der Entzündung
mindere, die sonst solchen Bisswunden gerne folge. Das einzige Krankheitsübel
sei die Gewalt der Gemütsbewegung, und ein paar Tage Ruhe werde das Fieber
und die Abspannung gänzlich heben.

Man war beruhigt und erfreut, und der Arzt schied unter den Danksagungen aller;
denn es war keiner, der den Knaben nicht liebte. Gegen Abend erschien Brigitta,
und nach ihrer entschlossenen Art ruhte sie nicht eher, als bis sie den Körper
ihres Sohnes Glied um Glied geprüft und sich überzeugt hatte, dass ausser der
Bisswunde nichts vorhanden sei, das ein Übel drohen könnte.

Als die Untersuchung vorüber war, blieb sie doch noch an dem Bette sitzen, und
reichte nach der Vorschrift des Arztes die Arznei. Für die Nacht musste ihr ein
schnell zusammengerafftes Bette in dem Krankenzimmer gemacht werden. Am
andern Morgen sass sie wieder neben dem Jünglinge, und horchte auf seinen
Atem, da er schlief und so süss und erquickend schlief, als wolle er nie mehr
erwachen. -

Da geschah ein herzerschütternder Auftritt. Ich sehe den Tag noch vor Augen.
Ich war hinabgegangen, um mich nach dem Befinden Gustavs zu erkundigen,
und trat in das Zimmer, das neben dem Krankengemache befindlich war, ein.
Ich habe schon gesagt, dass die Fenster gegen den Garten hinausgingen:
die Nebel hatten sich gehoben, und eine rote Wintersonne schaute durch die
entlaubten Zweige in das Zimmer herein. Der Major war schon zugegen, er
stand an dem Fenster, das Angesicht gegen das Glas gekehrt, als sähe er
hinaus. Im Krankengemache, durch dessen Tür ich hineinschaute, und dessen
Fenster durch ganz lichte Vorhänge etwas verdunkelt waren, sass Brigitta
und sah auf ihren Sohn. Plötzlich entrang sich ihren Lippen ein freudiger
Seufzer, ich blickte genauer hin, und sah, dass ihr Auge mit Süssigkeit an
dem Antlitze des Knaben hänge, der die seinigen offen hatte; denn er war
nach langem Schlafe aufgewacht und schaute heiter um sich. Aber auch auf
der Stelle, wo der Major gestanden war, hatte ich ein leichtes Geräusch
vernommen, und wie ich hinblickte, sah ich, dass er sich halb umgewendet
hatte, und dass an seinen Wimpern zwei harte Tropfen hingen. Ich ging gegen
ihn, und fragte ihn, was ihm sei. Er antwortete leise: "Ich habe kein Kind."

Brigitta musste mit ihrem scharfen Gehöre die Worte vernommen haben;
denn sie erschien in diesem Augenblicke unter der Tür des Zimmers, sah sehr
scheu auf meinen Freund, und mit einem Blicke, den ich nicht beschreiben kann,
und der sich gleichsam in der zaghaftesten Angst nicht getraute, eine Bitte
auszusprechen, sagte sie nichts, als das einzige Wort: "Stephan".

Der Major wendete sich vollends herum - beide starrten sich eine Sekunde an -
nur eine Sekunde - dann aber vorwärts tretend lag er eines Sturzes in ihren
Armen, die sich mit massloser Heftigkeit um ihn schlossen. Ich hörte nichts als
das tiefe leise Schluchzen des Mannes, wobei das Weib ihn immer fester
umschlang, und immer fester an sich drückte.

"Nun keine Trennung mehr, Brigitta, für hier und die Ewigkeit."

"Keine, mein teurer Freund!"

Ich war in höchster Verlegenheit und wollte stille hinausgehen; aber sie hob
ihr Haupt und sagte: "Bleiben Sie, bleiben Sie."

Das Weib, das ich immer ernst und strenge gesehen hatte, hatte an seinem
Halse geweint. Nun hob sie, noch in Tränen schimmernd die Augen - und so
herrlich ist das Schönste, was der arme, fehlende Mensch hienieden vermag,
das Verzeihen - dass mir ihre Züge wie in unnachahmlicher Schönheit strahlten
und mein Gemüt in tiefer Rührung schwamm.

"Arme, arme Gattin", sagte er beklommen, "fünfzehn Jahre musste ich dich
entbehren und fünfzehn Jahre warst du geopfert."

Sie aber faltete die Hände, und sagte bittend in sein Antlitzt blickend: "Ich habe
gefehlt, verzeihe mir, Stephan, die Sünde des Stolzes - ich habe nicht geahnt,
wie gut du seist - es war ja bloss natürlich, es ist ein sanftes Gesetz der
Schönheit, das uns ziehet." --

Er hielt ihr den Mund zu, und sagte: "Wie kannst du mir so reden Brigitta -
ja, es zieht uns das Gesetz der Schönheit, aber ich musste die ganze Welt
durchziehen, bis ich lernte, dass sie im Herzen liegt, und dass ich sie daheim
gelassen in einem Herzen, das es einzig gut mit mir gemeint hat, das fest und
treu ist, das ich verloren glaubte, und das doch durch alle Jahre und Länder
mit mir gezogen.

- O Brigitta, Mutter meines Kindes! Du standest Tag und Nacht vor meinen
Augen."

"Ich war dir nicht verloren", antwortete sie, "ich habe traurige, reuevolle Jahre
verlebt! - Wie bist du gut geworden, jetzt kenne ich dich, wie bist du gut
geworden, Stephan!"

Und wieder stürzten sie sich in die Arme, als könnten sie sich nicht ersättigen,
als könnten sie an das gewonnene Glück nicht glauben. Sie waren wie zwei
Menschen von denen eine grosse Last genommen ist. Die Welt stand wieder
offen. Eine Freude, wie man sie nur an Kindern findet, war an ihnen - in dem
Augenblicke waren sie auch unschuldig, wie die Kinder; denn die reinigendste,
die allerschönste Blume der Liebe, aber nur der höchsten Liebe, ist das
Verzeihen, darum wird es auch immer an Gott gefunden und an Müttern.
Schöne Herzen tun es öfter - schlechte nie.

Die zwei Gatten hatten mich wieder vergessen und wandten sich in das
Krankenzimmer, wo Gustav, der das Ganze dunkel ahnte, wie eine glühende,
blühende Rose lag, und ihnen atemlos entgegenharrte.

"Gustav, Gustav, er ist dein Vater, und du hast es nicht gewusst", rief
Brigitta, als sie über die Schwelle in das verdunkelte Zimmer traten.

Ich aber ging in den Garten hinaus, und dachte: "O wie heilig, o wie heilig,
muss die Gattenliebe sein, und wie arm bist du, der du von ihr bisher nichts
erkanntest, und das Herz nur höchstens von der trüben Lohe der Leidenschaft
ergreifen liessest." --

Erst spät ging ich in das Schloss zurück, und fand alles gelöset und gelüftet.
Geschäftige Freude, wie heiterer Sonnenschein, wehte durch alle Zimmer.
Man empfing mich mit offenen Armen als Zeugen des schönsten Auftrittes.
Man hatte mich schon allenthalben suchen lassen da ich ihnen, als sie zu
sehr mit sich beschäftigt waren, aus den Augen gekommen war. Sie erzählten
mir teils gleich in abgebrochenen Sätzen, teils die folgenden Tage im
Zusammenhange alles, was sich zugetragen hatte, und was ich oben
angemerkt habe.

Mein Reisefreund war also Stephan Murai gewesen. Er war unter dem Namen
Bathori, der einem seiner weiblichen Vorfahren gehörte, gereiset. So hatte ich
ihn auch gekannt, aber er liess sich immer Major nennen, welchen Rang er in
Spanien erworben hatte, und alle Welt nannte ihn auch den Major. Da er in
der ganzen Welt gewesen war, ging er, von seinem Innern gezogen, unter
demselben Namen nach dem wüsten Sitze Uwar, wo er nie gewesen war, wo
ihn niemand kannte, und wo er, wie er recht gut wusste, der Nachbar seines
getrennten Weibes werden würde. Gleichwohl kam er nicht zu ihr hinüber,
die schon so schön auf Maronshely waltete, bis der Ruf die Kunde ihrer
Todeskrankheit zu ihm trug. Da machte er sich auf, ritt hinüber, trat zu ihr,
die ihn vor Fieber nicht kannte, blieb Tag und Nacht bei ihrem Bette, wachte
über sie, und pflegte sie, bis sie genas. Damals durch den gegenseitigen
Anblick gerührt, und von leiser Liebe getrieben, aber dennoch ängstlich vor der
Zukunft, weil sie sich nicht kannten, und weil sich wieder etwas Fürchterliches
zutragen könnte, schlossen sie jenen seltsamen Vertrag der blossen Freundschaft,
den sie jahrelang hielten, und den bisher keines zuerst anzurühren wagte, bis
ihn das Geschick durch einen scharfen Schnitt, den es in beider Herzen tat,
trennte, und zu dem schöneren natürlichen Bunde wieder zusammenfügte.

Alles war nun gut.

Nach vierzehn Tagen wurde es in der Gegen kundgetan, und die lästigen
Glückwünscher kamen von nahe und von ferne.

Ich aber blieb noch den ganzen Winter bei den Leuten und zwar auf Maroshely,
wo vorläufig alles wohnte, und von wo der Major im Sinne hatte, Brigitta nie
fortzuziehen, weil sie da in Mitte ihrer Schöpfung sei. Am freudigsten war schier
Gustav, der immer so an dem Major gehangen war, der ihn immer leidenschaftlich
und einseitig den herrlichsten Mann dieser Erde nannte, und der ihn nun als
Vater verehren durfte, ihn, an dem sein Auge, wie an einer Gottheit hing.

Ich habe jenes Winters zwei Herzen kennengelernt, die sich nun erst recht zu
einer vollen, wenn auch verspäteten Blume des Glückes aufschlossen.

Ich werde diese Herzen nie, nie vergessen! --


- Adalbert Stifter 1805-1868, österreichischer Schriftsteller, Maler und Pädagoge -

Quelle: Adalbert Stifter, Brigitta, 4. Steppengegewart, Seite 52-64, Reclam 1970.







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